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Seite: Sonette

SONETTE

Allgemein
Das „Kleine Tonstück/Klanggedicht“ entstand Ende des 13. Jh. in Palermo und erlebte durch Meister der Sizilianischen Dichterschule wie Petrarca, Dante Alighieri und ihren Nachfolgern seine Blütezeit. Shakespeare (1564 – 1616) wandelte die strenge Form zum sog. Shakespeare-Sonett um. In Deutschland erfreute sich die Form ab dem 16. Jh. durch Gryphius, Goethe, Heine, Trakl, Schlegel, später Gernhardt etc. großer Beliebtheit.
Darüber hinaus übernahmen fast alle europäischen Lyriker diese Strophenform und entwickelten viele Sonderformen.

Form
Die klassische, italienische „Grundform“ des Sonetts umfasst 14 jambische, elfsilblige Verse, die in zwei Quartette (Oktett) im umarmenden Reim (abba) und zwei Terzette (Sextett) im Kreuzreim (abab) aufgeteilt sind; Versform ist der Endecasillabo.
In der französischen Klassik wurde der Alexandriner (6-hebig) bevorzugt, in Deutschland der fünfhebige Jambus mit klingenden (11 Silben) oder stumpfen (10 Silben) Kadenzen.
Bei den klassischen Formen wiederholen sich die Reime a/d und b/c in den Quartetten.
Eine Sonderform stellt das englische Sonett dar, das drei vierzeilige, 5-hebige, jambische Strophen mit wechselnden Kadenzen im Kreuzreim umfasst (abab cdcd efef) und mit einem Couplet (gg) endet.

Inhalt
Die Aussage bzw. der poetische Inhalt der italienischen Grundform sind streng gegliedert: Im ersten Quartett wird eine Behauptung aufgestellt (These), im zweiten Quartett wird sie widerlegt (Antithese) und in den Terzetten werden die Widersprüche gegen einander aufgehoben (Synthese), was zu einer gedanklichen Objektivierung subjektiven Erlebens führt:
Quartett 1 – These
Quartett 2 – Antithese
Terzette – Synthese
oder
Quartett 1 und 2 – These
Terzette - Antithese

Shakespeare:
Quartett 1 und 2 – These
Quartett 3 – Antithese
Couplet – aphorismusartige Synthese

Häufig werden Sonette zu einem „Kranz“ verbunden; er besteht aus 14 Einzelsonetten. Jedes Sonett beginnt mit dem Schlussvers des vorher gehenden. Aus den Schlussversen der 14 Sonette ergibt sich in unveränderter Reihenfolge das 15. oder Meistersonett.

Glossar
Alexandriner: Sechshebiger Jambus mit einer festen Zäsur in der Mitte (nach der 6. Silbe) und einer deutlichen Betonung der 12. Silbe.
Antithese: Gegenbehauptung, Opposition.
Aphorismus: Überspitzte, überraschende, auch witzige Formulierung eines Gedankens; geistreiche Zusammenfassung des bereits Gesagten.
Couplet: Verspaar.
Endecasillabo: Gereimter Elfsilber im fünfhebigen Jambus mit stumpfen oder klingenden Kadenzen; Betonung auf Silbe 4 oder Silbe 6 und immer auf Silbe 10. (Zäsur nach Silbe 4 oder Silbe 6).
Jambus: Antiker, zweisilbiger Versfuß der Form xXxXxX bei auftaktig-alternierenden Metren.
Kadenz: Ende eines Verses; klingend (weiblich), stumpf (männlich).
Kreuzreim: Wechselreim ab ab (cd cd) ...
Oktett: achtzeiliger Teil eines Gedichts.
Paarreim: Paariger Reim aabb bei zwei-, vier- und mehrversigen Strophen.
Quartett: vierzeiliger Abschnitt eines Gedichtes.
Sextett: sechszeiliger Teil eines Gedichtes.
Synthese: Zusammenfassung.
Terzett: dreizeiliger Abschnitt eines Gedichtes.
These: Behauptung, Leitsatz.
Umarmender Reim: Reimform abba abba (cddc) ...

Beispiel I
Im tollen Wahn hatt’ ich dich einst verlassen (H. Heine)
Im tollen Wahn hatt’ ich dich einst verlassen,
Ich wollte gehn die ganze Welt zu Ende,
Und wollte sehn ob ich die Liebe fände,
Um liebevoll die Liebe zu umfassen.

Die Liebe suchte ich auf allen Gassen,
Vor jeder Thüre streckt’ ich aus die Hände,
Und bettelte um gringe Liebesspende, –
Doch lachend gab man mir nur kaltes Hassen.

Und immer irrte ich nach Liebe, immer
Nach Liebe, doch die Liebe fand ich nimmer,
Und kehrte um nach Hause, krank und trübe.

Doch da bist du entgegen mir gekommen,
Und ach! was da in deinem Aug’ geschwommen,
Das war die süße, lang gesuchte Liebe.


Versmaß
xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxXx

xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxXx

xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxXx

xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxXx

Beispiel II
Sonnet CXVI (Shakespeare)

Let me not to the marriage of true minds
Admit impediments. Love is not love
Which alters when it alteration finds,
Or bends with the remover to remove:

O, no! it is an ever-fixed mark,
That looks on tempests and is never shaken;
It is the star to every wandering bark,
Whose worth’s unknown, although his height be taken.

Love’s not Time’s fool, though rosy lips and cheeks
Within his bending sickle’s compass come;
Love alters not with his brief hours and weeks,
But bears it out even to the edge of doom.

If this be error and upon me proved,
I never writ, nor no man ever loved.


Sonette nach Shakespeare, Sonette aus dem Musengarten


Quellennachweis
Wolfgang Kayser: Kleine deutsche Versschule; UTB, ISBN 978-3-1727-3
F.G. Jünger: Rhythmus und Sprache im deutschen Gedicht; Cotta Verlag, ISBN 3-608-95489-9
Chr. Wagenknecht: Deutsche Metrik; CH. Beck Verlag, ISBN 798-3-406-55731-6
H.J. Frank: Handbuch der deutschen Strophenformen; UTB für Wissenschaft, ISBN 3-8352-1732-9




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