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Seite: Lutherstrophen

LUTHERSTROPHEN

Allgemein
Die schon in der Zeit der Minne bekannte Strophe entwickelte sich im 14./15. Jh. zur wichtigsten Form für weltliche und geistliche Lieder und erlebte im 16. Jh. einen bedeutenden Aufschwung durch das evangelische Kirchenlied. Luther griff die Strophe auf und verwendete sie für seine Gemeindelieder.
Die Form blieb Choralstrophe bis sie Anfang des 18. Jhs. von der deutschen Kunstballade übernommen und über die Grenzen hin-aus fester Bestandteil der Kirchen-, der weltlichen Volksmusik und der Balladendichtung wurde.
Um 1770 übernahmen die Romantiker (Schlegel) die Form für die Romanzendichtung, hin und wieder für Elegien. Im 18. Jh. ent-standen Satiren und Parodien auf den Ernst und die Würde der Lutherstrophen, zudem gesellige Lieder und Bänkellieder.
Seit dem 19. Jh. bis in die Neuzeit bleibt die Form als Kirchen- und Kunstlied sowie als Ballade erhalten.

Form
Die Lutherstrophe umfasst sieben, meist im Jambus erstellte Verse mit der Reimfolge ababccx (b). Die Verse sind aufgeteilt in jam-bische Vierheber mit männlichen und jambische Dreiheber mit weiblichen Kadenzen.
Es entsteht eine deutliche Zweiteilung durch einen vierversigen Aufgesang und einen dreiversigen Abgesang im Paarreim. Ihnen folgt ein Vers, der den weiblichen Reim (b) des Aufgesangs aufnimmt, reimlos bleibt (Waise) oder als Kehrreim die Strophen untereinander verbindet.

Glossar
Abgesang (Barform): Zwei metrisch gleiche Teile (Stollen) bilden den Aufgesang, ein metrisch eigenständiger Teil bildet den Abgesang (Stanze, Sonett).
Aufgesang: Siehe 'Abgesang'.
Elegie: Gedicht in verhaltener Klage bzw. wehmütiger Resignation.
Jambus: Antiker Versfuß der Form xXxXxX.
Kadenz: Versschluss bzw. Silbenfall am Ende eines Verses. Unterschieden werden weibliche (klingende) und männliche (stumpfe) Kadenzen. Die weibliche Kadenz ist zweisilblig (Hebung und Senkung), die männliche Kadenz ist einsilblig (Hebung).
Kehrreim: Wiederkehrender Reim, meist am Ende eines Verses.
Kreuzreim: Wechselreim abab, häufige Reimstellung.
Paarreim: Häufigste Reimbindung der volkstümlichen Dichtung: aa bb cc .....
Waise: Reimlose Zeile innerhalb einer gereimten Strophe.

Beispiel
Der Sänger (Goethe)
„Was hör ich draußen vor dem Tor,
Was auf der Brücke schallen?
Lass den Gesang vor unserm Ohr
Im Saale wiederhallen!“
Der König sprachs, der Knabe lief,
der Knabe kam, der König rief:
„Lasst mir herein den Alten!“


Hörprobe I
Hörprobe II

Versmaß
xXxXxXxX
xXxXxXx
xXxXxXxX
xXxXxXx
xXxXxXxX
xXxXxXxX
xXxXxXx

Lutherstrophen aus dem Musengarten


Quellennachweis
Wolfgang Kayser: Kleine deutsche Versschule; UTB, ISBN 978-3-1727-3
F.G. Jünger: Rhythmus und Sprache im deutschen Gedicht; Cotta Verlag, ISBN 3-608-95489-9
Chr. Wagenknecht: Deutsche Metrik; CH. Beck Verlag, ISBN 798-3-406-55731-6
H.J. Frank: Handbuch der deutschen Strophenformen; UTB für Wissenschaft, ISBN 3-8352-1732-9


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