Die Mohnblüte schwand. Blutrot trat die Sonne aus dem Nebel hervor.
Alternative Versionen
Der Mohn ist verblüht. Blutrote Sonne entsteigt dem Nebel am Fluss.
Die Sonne geht rot über Nebelschwaden auf. Der Mohn ist verblüh
P.S.: Seit einiger Zeit habe ich versucht das Wesen der Form des Haiku zu ergründen. Das ist etwas schwierig, weil alle möglichen Leute die verschiedensten Dinge als "Haiku" deklarieren. Für jeden, der das macht, ist das durchaus legitim, aber es klärt nicht die Frage, was der Kern, das Charakteristikum der Form ist.
Vor einiger Zeit fand ich folgendes: "Ein Haiku ist meiner Meinung nach Metapher in reinster und purer Form, aber eben kein Bild. Viele Haikus finde ich schlecht, weil sie nur ein Stenogramm eines Naturbildes sind. Um zu verstehen, warum das nicht reicht, muss man sich daran erinnern, dass Haikus vor allem metaphysische Inhalten ausdrücken. Deshalb ist z.B. der Mond im Haiku, so real er uns vor die Sinne tritt, in Wirklichkeit nie der reale Mond, sondern ein Ausdruck der universellen Relation in der wir stehen."
Das stimmt meiner Meinung nach mit dem überein, was Imma von Bodmershof sagte: "Man kann Haiku überhaupt nicht 'machen', sie können einem nur begegnen, es kann nur ein Bild auf einmal durchsichtig werden für das Symbol, und um das allein geht es in meinen Augen." Wobei ich hier "Symbol" als "Metapher" verstehe.
Das ist jedoch nur der abstrakte Kern, der in jeder Sprache etwas Fruchtbares austreiben muss. Ich kann die Japanische Sprache nicht, habe aber trotzdem zu ergründen versucht, welche poetischen Prinzipien bei der Gestaltung des Haiku wesentlich sind. Allein auf die Bilder kann es nicht ankommen, denn was ist an dem Bild es berühmten Haiku von Matsuo Basho so besonders? Ein Frosch springt in den alten Teich und es macht Plopp! Das kann es nicht sein. Ich habe mir das Haiku auf Japanisch rezitiert mehrfach angehört. Interessant ist, dass im Japanischen, wie im Chinesischen, die Tonhöhe für die Akzentuierung benutzt wird, was zu Variationen der Vokalmelodie führt. Ich bin inzwischen überzeugt, dass die Schönheit eines japanischen Haiku sehr stark von dieser "Melodie" geprägt ist. Daraus folgt, dass beim Schreiben von Haikus in einer anderen Sprache neben der Metapher die lyrisch-melodischen Form eine große Bedeutung hat.
Um das zu verdeutlichen, habe ich dem Herbst-Haiku zwei Versionen beigefügt, welche bildlich identisch sind, aber keine so schöne deutsche Vokalmelodie haben.
In diesem Zusammenhang möchte ich auch behaupten, das Haikus mit "reduzierter" Grammatik und in stoßendem Rhythmus im deutschen keine schönen Haikus sind, sondern die Herausforderung der Form gerade darin liegt, in schöner und fließender Sprache zu schreiben.
Soweit bin ich bisher gekommen diese Form, welche mich fasziniert und ein "Urei" der Lyrik sein könnte, für mich zu erkennen.
Lieber Thomas, danke für das Teilen deiner Gedanken zu Haikus. Für mich steckt hinter der beschreibenden Beobachtung der Natur auch noch etwas mehr dahinter. Und das ist der Moment, der den Autor berührte, überhaupt zu versuchen daraus ein gutes Haiku zu schreiben.
Ich würde deine Beobachtung so schreiben:
Der Mohn ist verblüht. Die Sonne entsteigt blutrot dem Nebel am Fluss.
ich wollte das "a" am Ende der ersten Zeile, wegen der Melodie. Warum das da hingehört, kann ich aber nicht begründen. Ich habe einfach herumprobiert. Ähnlich ist es mit der Inversion in der zweiten Zeile.
ich möchte noch etwas hinzufügen, was ich sehr aufregend finde. Als ich gestern wieder einmal das Buch "Haiku" von Imma Bodmershof zur Hand nahm, las ich das in dem Buch enthaltene Nachwort ihres Mannes Wilhelm Bodnershof, welches ich bisher nicht beachtet hatte. Leider, denn es ist meiner Meinung nach das Beste, was ich bisher zu dem Thema gelesen habe, und hätte mir einiges Nachdenken erspart.
Wilhelm Bodmershof beginnt seine "Studie über das Haiku" mit einer Reigen von Beispielen, um dann fortzufahren:
Main Auge schweift über den fremden Himmel. Da schwebt der Mond herauf. O seht, es ist der gleiche, der in der Heimat, in Kasuga, die Berge beglänzt.
Abe Nakamaro (702-770)
…
Mondnacht. Jedesmal, wenn die Brandungswogen zurückweichen, erglänzt der feuchte Sand wie Silber.
Mutsuhito 81832-1912)
"Zwischen dem ersten und dem letzten (dieser Gedichte) liegen rund 1200 Jahre, dennoch klingen alle Haiku so frisch, als wären sie heute gesprochen…
Die Sprache der Seel ist die gleiche in allen Zeiten und an allen Orten, ihr Rhythmus ist durch sich selbst bestimmt, durch ein Dauerndes, das kaum dem Wechsel in der unterworfen ist. Dieser seelische Grundton formt auch durch Jahrtausende hindurch ihre Baugesetze.
Alle Gedichte gehen von einem Bild aus. Mit wenigen Worten wird eine Impression gezeichnet…
Das zweite wesentliche Bauelement des japanischen Haiku ist die Bewegung. Das Bild allein… würde ermüden.
Diese Bewegung empfängt ihren Anstoß aus dem dritten Bauelement, nämlich der Spannung zwischen zwei in das Gedicht eingebauten Polen…
Diese fast handwerklichen Mittel allein genügen jedoch nicht. Entscheidend ist der dem Haiku verborgene Sinn. Er wirkt kaum fassbar zwischen den Zeilen, und doch bestimmt er eigentlich diese ganze Dichtungsart…
Die religiöse Erkenntnis, dass letzte Dinge der direkten und vollständigen Bezeichnung durch Worte und Begriffe entzogen sind – diese Erkenntnis wurde in die Sphäre der Kunst herabprojiziert. Daher ist die Wahl der Bauelemente ebenfalls von dieser Bemühung um den verborgenen Sinn bestimmt…
Von den europäischen ästhetischen Apperzeptionsformen steht wohl die Metapher dem japanischen Kurzgedicht am nächsten. Metapher nicht im Sinne des äußeren Redeschmuckes, sondern im Sinn eines versteckten, nicht zur vollen Aussage gelangenden Gleichnisses. Metapher also im Sinn eines Übergreifens aus dem irdischen in einen überirdischen Verstellungsbereich."
Leider kann ich den ganzen Text aus urheberrechtlichen Gründen nicht einstellen. Aber wer Immas Buch hat oder sich besorgen kann, sollte nicht so dumm sein wie ich, sondern diese Studie sofort vollständig lesen, denn ich habe ja nur das mir wesentlichste daraus zitiert.
Liebe Grüße Thomas
P.S.: die Hervorhebungen sind im Original, nicht von mir.
die Sprache der Seele..was für eine Dimension, aber sie trifft sicher zu. Auch deine folgenden Bestandteile ( Bild, Bewegung, Spannung zwischen Polen) kann ich nachempfinden.
Vielleicht ist unsere Aufgabe, bei der Beobachtung der Natur und unserer Berührtheit über ihre vielen Wunder, uns dem Empfunden dessen zu überlassen und die Worte fließen zu lassen, ohne allzu frühe Korrektur durch den bewussten Geist.
Das gelingt sicher nur schwer, was wieder einmal belegt, dass die Kunst der Poesie in der Reduzierung unserer gewählten Worte verborgen liegt.
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