deine Zeilen verströmen eine tiefe Bitterniss, und es fällt mir schwer damit umzugehen. Die wenig reflektierte Redewendung, die deiner Überschrift gleicht, schwingt negativ über deinen Zeilen. Gerne wüsste ich etwas mehr über deine Beweggründe, es genau so zu schreiben wie du es getan hast.
dieser unsägliche Spruch wurde in meinem alltäglichen Umfeld völlig unreflektiert und, ohne den Beigeschmack auch nur zu ahnen, eigentlich ständig benutzt, in der Familie, von Mitschülern, Lehrern und auch von mir selbst… Ich kann mich noch erinnern, als mir Mitte der 60er Jahre, als ich zum ersten mal Bilder und Filme von Auschwitz zu sehen bekam, der Zusammenhang erst so langsam klar wurde. Später erfuhr ich, dass dieser Spruch aber schon nach dem Stellungskrieg im Ersten Weltkrieg, im Sprachgebrauch war. Wenige Jahre später anlässlich der Demonstrationen gegen die Notstandsgesetzte tönte es uns Schülern und Studenten vom Straßenrand entgegen: „Euch hat man vergessen, zu vergasen“, da war endlich allen klar, wie das gemeint war… Bis heute rutscht mir der Spruch (bis zum vergasen) gelegentlich über die Lippen, wenn ich nicht aufpasse, das sitzt sehr sehr tief…
Danke, dass du uns mit deinem Beispiel a die so notwendige Sprachsensibilität erinnerst…. Wie sagte Emily Dickinson:”Ich kenne nichts auf der Welt, was mehr Macht hat als ein Wort.”
Nur zur weiteren Erhellung: mein Schwiegersohn und die halbe Familie meiner Tochter sind Juden, die andere Hälfte unserer Familie sind griechisch orthodox oder katholisch, meine Vorfahren waren in der Mehrzahl Protestanten, einige katholisch… Ich selbst bin protestantisch freikirchlich aufgewachsen. Mit einem Wort unser Familie hat so einiges zu bieten und ich muss schon auf der Hut sein, dass mir keine solchen Entgleisungen unterlaufen…
dann hast du mit deinen wenigen Zeilen ja etwas sehr wirksames dafür getan, dass dir dies weniger passiert. Und, ist es nicht die Kür des Lebens sich selbst in kritische Auseinandersetzung mit genau diesen Dingen zu bringen, die uns wider besseren Wissens und Fühlens gelegentlich passieren?
Liebe Grüße der Sanderling
PS. Bin auch Protestant. Was bedeutete der freikirchliche Aspekt für dich? ...falls das hier nicht zu öffentlich für dich ist.
dass ich damals in einer Kirchengemeinde aufwuchs, die nicht der Landeskirche angeschlossen war, kam so. Sie spaltete sich aufgrund einer geplanten Zwangsversetzung des örtlichen Pfarrers ab, war aber sonst völlig auf der Linie des üblichen Luthertums. Die Gemeinde hielt ganz einfach zu ihrem Pfarrer, der wegen seiner Scheidung abgestraft werden sollte… Von Freikirche im heutigen Sinne kann also nicht die Rede sein, jedenfalls fehlte jeder Ansatz von Superreligiosität und religiösem Eifer… Als die Gemeinde nach Jahrzehnten wieder der Landeskirche beitrat, trat ich einfach nicht mit ein, so dass ich mich heute als freilaufenden Christen bezeichne…
Ein neuralgischer Punkt? Soll wohl die Ausgegrenzten wieder eingrenzen und die Eingegrenzten wieder ausgrenzen. Damit alles in der sprichwörtlichen Luft liegen kann Hoffnung und Trauer cocktail.
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