Ich habe das Original eines Gedichtes entdeckt. Es wurde von Johann Wolfgang Goethe am 23.11.1770 geschrieben, während Friedericke Boullion ihm eine Gänseklein-Suppe zubereitete, und war Jahrzehnte lang in meinem Kopf verschollen.
Der Gänse-Vielfraß
Der Ofen briet, der Ofen schwoll, ein Vielfraß saß daran, die Wampe war ihm dick und voll, er schaut‘ den Braten an. Und wie er sitzt und sich erbaut, klappt auf das Ofenrohr, aus der erhitzen Röhre schaut die fette Gans hervor.
Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm: "Was lockst du meine Brut mit Menschenwitz und Menschenlist hinein in Todesglut? Ach wüsstest du, was's Gänslein frisst so leck‘res auf der Wies‘, du stiegst hinunter, wie du bist, und wärst im Paradies.
Labt sich der größte Kenner nicht an Escargots mit Wein, würzt Wiesenkraut und Beifuß nicht das gute Gänseklein. Lockt dich das warme Festgericht nicht hier zu mir hinein? Lockt dich mein Bratenduft denn nicht, ganz nah bei mir zu sein?
Der Ofen briet, der Ofen schwoll, die Gans versprach Genuss, sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll, wie bei der Liebsten Gruß. Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm; da war's um ihn geschehn: halb zog sie ihn, halb sank er hin, und ward nicht mehr gesehn.
Es folgt das Gericht, welches irrtümlich für das obige Werk in den Gesammelten Werken von Johann Wolfgang Goethe veröffentlicht wurde.
Der Fischer
Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll, ein Fischer saß daran, sah nach der Angel ruhevoll, kühl bis ans Herz hinan. Und wie er sitzt und wie er lauscht, teilt sich die Flut empor; aus dem bewegten Wasser rauscht ein feuchtes Weib hervor.
Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm: "Was lockst du meine Brut mit Menschenwitz und Menschenlist hinaus in Todesglut? Ach wüßtest du, wie's Fischlein ist so wohlig auf dem Grund, du stiegst hinunter, wie du bist, und würdest erst gesund.
Labt sich die liebe Sonne nicht, der Mond sich nicht im Meer? Kehrt wellenatmend ihr Gesicht nicht doppelt schöner her? Lockt dich der tiefe Himmel nicht, das feuchtverklärte Blau? Lockt dich dein eignes Angesicht nicht her in ew'gen Tau?"
Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll, netzt' ihm den nackten Fuß; sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll, wie bei der Liebsten Gruß. Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm; da war's um ihn geschehn: halb zog sie ihn, halb sank er hin, und ward nicht mehr gesehn.
ganz hervorragend, Goethe wäre neidisch, könnte er dein Gänseflüstern lesen.
Es bewahrheitet sich mal wieder, dass sich auf der Grundlage von Gedichte-Klassikern prima neue Gedichte erstellen lassen, ich habe ja auch eine Vorliebe dafür.
Noch einmal "Bravo und Hut ab!"
Liebe Grüße Sid
Nachtrag: Oh, ich sehe erst jetzt, dass hier eine peinliche Verwechslung vorliegt!
ich selbst kenne nur wenig von Goethe (nur den Faust, den Götz und den Wärter), aber jetzt will ich mehr kennen lernen, du hast mich neugierig gemacht.
Die Wandlung der ersten Strophe hin zur letzten - was für eine Form ist das, gibt es dazu eine Trdition, ein Vorbild oder ein Regelwerk? Wie nennt man diese Art des Gedichtes? Ich finde es klasse. Goethes Thema ist ja der Sirenenklassiker (bzw. Nixe), doch deine Version ist unbestreitbar lustiger. Ein echtes lyisches Festmahl.
Sehr schön umgesetzt deine Idee und der Bezug zum "angeblichen Original" ist deutlich und bestens gelungen.
wäre es nicht viel lustiger, das Original nicht zu schreiben? Mir macht es immer viel Spaß, in meinen Hirnwindungen zu graben und die Meisterwerke aus den Fingerübungen heraus zu finden.
Die witzige Verfremdung ist also dein Werk? Super, Chapeau! Mit sehr großem Vergnügen zu lesen. Herzliche Grüße, Medusa.
ich gebe eigentlch gerne eine Hinweis, weil ich immer versuche, es dem Leser möglicht einfach zu machen. Erstens ist es für den Leser gar nicht so einfach, das Original herauszufinden und zweitens besteht die Gefahr, dass sich der Eine oder Andere an der Nase herumgeführt sieht. Natürlich kann man auch ein Rätsel aufgeben, welches den Rätselfreunden vielleicht mehr Spaß macht.
Wir hoffen, dass dir unser Forum gefällt und du dich hier genauso wohlfühlst wie wir.
Wenn du uns bei der Erhaltung des Forums unterstützen möchtest, kannst du mit Hilfe einer kleinen Spende dazu beitragen,
den weiteren Betrieb zu finanzieren.
Deine Spende hilft!
Spendenziel: 144€
52%
Forum online seit 10.11.2013 Design by Gabriella Dietrich