Bunte Chiffren malt der Herbst auf tausend Blätter, lesbar nur den Früchtchen, die nun längst geerntet, eingemacht, zu Alkohol vergoren - oder Dörrobst, schlimmer noch - zu Marmelade wurden.
Wählen wollen wir im goldnen Herbst zum ersten Mal die Königin im Reich der reifen Früchte. Kommt, ihr süßen, sauren, herben, kleinen oder großen Beeren, Pflaumen, Äpfel, Kirschen, Nüsse - auch Migranten sind willkommen! Eilt herbei, ihr Apfelsinen, Kiwifrüchte, Reneclauden, Aprikosen, Mispeln, Zwetschgen und Melonen.
Bringt die Botschaft den Bananen, auch den Trauben, die der Edelfäule harrend noch auf erste Fröste warten: Auf dem Festival der Früchte küren wir die Königin in Floras Reich und alle dürfen heute sich bewerben, ihre große Chance ergreifen, baldigst Majestät zu heißen.
Da hört man ein Lispeln der Mispeln, ein Knirschen von knackigen Kirschen; es murmeln Melonen, das Nuscheln von Nüssen, es naht sich ein Wahlkampf auf Biegen und Brechen um Krone und Szepter und goldnes Geschmeide.
Oh, wir kleinen, runden, roten, schwarzen, grünen Beerensorten werden niemals Adel, Thron und Kron noch Ehre für uns horten; Wir sind nur zum Naschen gut, so seufzen blaue Heidelbeeren, Schlehen schneuzen sich und klagen: „Wir sind nur die sekundären Kandidaten für die Wahl". „Wir raten euch, erwählt die Birne!" „Wen?“, so fragt in samtne Pracht gehüllt ein Pfirsichpärchen leise, „wollt ihr wählen? Habt ihr unter eurem Pony eine Meise?“ Zitronen zischten: „Kernobst? - Nee! Wir wählen niemals eine Dirne!“
Argumente wogten hin und wider, Maronen waren den meisten zu bieder. Der Schlitz in den bläulichen Pflaumen - sei zu ordinär befanden die Mirabellen. Granatäpfel sind nur was für den Gaumen - kurzum, es kam zu keinem schnellen Entschluss der versammelten Meute. Die Haselnuss verlangte kategorisch: Heute erwählen wir die Früchtekönigin! Das Diskutieren macht doch keinen Sinn.
Es wurde ganz geheim gewählt, die Stimmen wurden ausgezählt: Den dritten Platz erlangten die Hammelsäckchen, die dankten bescheiden mit errötenden Bäckchen, als Zweite rangierte die köstliche Traube, sie hätte gesiegt, wenn nicht schnell eine Taube das Weinbeerchen im Fluge frech weg geklaut. Es wurde mit Krone und Würde eine andre betraut. Ein Zeisig zwitscherte: „So was war ja noch nie da - der Sieg gebührt Regina prunus armeniaca!
Lieber Hayk, bevor ich meiner Entzückung Ausdruck verleihen konnte, musste ich die Süßkirsche erst nachschlagen. Sie wurde nur sehr selten bedichtet. Auch wenn sie nicht in den Herbst gehört, so mag sie es verdient haben? Dein Gedicht ist nicht nur eine Fleiß- und Geistarbeit sondern auch kurzweilig und amüsant unterhaltend. Der Wechsel der Formen, Metrik, sparsamer Reim , Anzahl der Hebungen u.a. macht das Lesen überdies zu einem Erlebnis. Die Idee ist köstlich! Sehr gern gelesen! LG Ida
Liebe Ida, Du siehst mich ratlos. Von welcher Süßkirsche sprichst Du? Die "prunus armeniaca" ist die "armenische Pflaume", sprich: Die Aprikose. Man darf diese köstliche Frucht nicht mit den Aprikosen oder Marillen vergleichen, die man hierzulande pflücken oder kaufen kann. Die Armenier haben vor Menschengedenken diese Frucht veredelt; die unaufhörlich scheinende Sonne, der vulkanische Boden des Landes bringen eine wesentlich größere und saftigere Aprikose hervor. Das Holz der Aprikosenbäume wir übrigens gebraucht, um die "Duduk", das armenische Nationalinstrument (mit einem oboenähnlichen Klang) zu bauen. "Kurzweilig, amüsant und unterhaltend", liebe Ida, das ist das größte Lob, das man einem Schreiberling schenken kann. Tausend Dank! (Hammelsäckchen - so werden in meiner Heimatstadt Jena die kleinen gelbgrünlichen Pfläumchen genannnt, die außer zum Naschen zu nix taugen)
lieber Hayk die Wahl des Königs oder der Königin ist wirklich schwer. Du hast sie super spannend zu Papier gebracht. Da ich schon immer eine Pflanzen und Naturliebhaberin bin wußte ich Prunus ist die Gattung der Pflaume. Aber wußtest Du das die Schlehe auch dazu gehört? Dein Gedicht liest sich leicht und locker und es macht mir großen Spaß zwischen dem ganzen Obst zu schwelgen. In Norddeutschland gibt es nicht das Hammelsäckchen sondern die gelbe Marunke oder Eierpflaume. herzlich Ilona die sich sicher für den Holsteiner Cox entschieden hätte
Lieber Hayk, wieder einmal machst Du den Genüssen des Gaumens in der Art den Hof, dass man sich am liebsten gleich an den Früchtchen bedienen möchte. Wunderbar fabulierend erzählt und liebevoll zusammengebunden hast Du hier die Süße des Lebens in Deinem Gedicht. Liebe Grüße, Heidi
Liebe Ostseemöwe, ein herbes Pfläumchen - die Schlehe. Ihre Farbe und der Stein lassen den Verdacht aufkommen, dass sie zu dem "Prunus........" zählt.Ich genieße sie nur, wenn sie paar Wochen mit Kandiszucker und einer Vanilleschote in hochprozentigen Schnaps gebadet hat. Wenn ich sie (frühestens nach dem ersten Frost) so esse, krieg ich immer stumpfe Zähne. Die "Hammelsäckchen" kenne ich dem Namen nach nur aus meiner alten Heimat. In Mecklenburg hatten diese kleinen Dinger noch einen anderen Namen, aber der fällt mir im Augenblick nicht ein. Fürs "leicht und locker" tausend Dank. Dass es Dir Spaß gemacht hat - das ist ein Lob, das ich gern entgegen nehme!
Liebe Heidi, auch für Deine lobenden Worte sage ich mit einer leichten Verbeugung: Danke!
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