ich muss gestehen, dein Gedicht erscheint mir inzwischen tiefgründiger, als es mir beim ersten Überfliegen vorkam. Deshalb möchte ich ein wenig genauer darauf eingehen. Insgesamt wirkt es weniger durch eine ausgefeilte Form als von seiner Atmosphäre.
Gleich zu Beginn stellte sich mir die Frage, wer da eigentlich spricht. Ein Obdachloser? Einer, dem das Leben auf der Straße zur Hölle wird? Einer, dem die Gluthitze der letzten Wochen kaum noch erträglich scheint? Oder ist die Formulierung "auf der Straße" übertragen gemeint?
Dein Wortspiel in der zweiten Strophe klingt auf den ersten Blick ja wirklich schön, aber was meint Gnadenbrot? Almosen, die man ihm hinwirft? Oder meinst du generell, dass er nur ein kärgliches Auskommen hat? Oder ist die Zeit vor dem Lebensabend gemeint?
Damit komme ich zur Schlussfrage: „Wann kommt die lange Nacht?“ Und ich finde sie angebracht und schön. Man erwartet eigentlich: Wann wird es endlich kühl? Oder nur: Wann kommt die Nacht? Stattdessen wird die Sehnsucht nach der Nacht fast existenziell. Damit lese ich aber zwei verschiedene Fragen: 1. Die wörtliche Ebene: Ein obdachloser Mensch leidet unter der Sommerhitze und sehnt sich nach der kühlen Nacht. 2. Die symbolische Ebene: Die Verzweiflung ist so groß, dass die "lange Nacht" als Erlösung oder Tod erscheint. Gerade weil vorher "Hölle" erwähnt wird, gewinnt diese zweite Ebene zusätzliches Gewicht.
Dein Gedicht hat bei mir eine bedrückende Stimmung hinterlassen.
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