Weiden, wahre Wunderbäume, windgebeutelt, innen hohl, dunkler Nächte Nebelträume, meine Ode -euch zum Wohl- möchte ich an euch hier richten und sie widmen euch zum Ruhm, um euch auch mal zu bedichten, ohne großen Wortreichtum:
Ihr seid wahre Hexenmeister, lindert Schmerzen, weckt die Geister, liefert Nahrung für die Bienen, auch zum Dachbau könnt ihr dienen. Zaubert Besen, Körbe, Zäune, füllt im Fachwerk Zwischenräume, Kinder schnitzen aus euch Flöten, alles, was dem Mensch von Nöten…
Doch wenn euch Dämonen reiten, kommt ein Schauder auf beizeiten. Falls im Moor, in Sumpfmorasten, Irrlichter durch Wipfel hasten, und ein Wimmern tönt von Bäumen, darf man nicht mehr länger säumen. Solch verwunschne Trauerweiden sollte man im Dunkeln meiden…
Gut gedeiht ihr an den Bächen, Flüssen, Teichen oder Seen. Neben Espen, Erlen, Eschen sieht man euch an Ufern stehn. Wie Gestalten oder Wesen aus vergang´ner Märchenwelt, ausgehöhlt und handverlesen, morsche Schönheit nie zerfällt.
da hatten wir beide wohl die gleiche Idee, uns an Schillers "Ode an die Freude" anzulehnen. Wobei du Metrum und Reimfolge variierst, trotzdem aber den schwungvollen Rhythmus beibehältst. Deine Lösung gefällt mir gut. Und meine Pferde werden sicher das gleiche von deinen Weiden denken.
mit den Oden ist das so eine Sache, da sie, was die Form anbetrifft, nicht klar definiert sind…Daher mein Rückgriff auf formal Vertrautes… Trotzdem wollte ich auch etwas Neues ins Spiel bringen, was mir offensichtlich gelungen ist…
Danke für die lobenden Worte und herzliche Grüße aus Lüli Karlheinz
du hast hier ein atmosphärisch starkes Naturgedicht fabriziert. Es ist stark klassisch geprägt und wie Thomas schon meinte, rhythmisch an die „Ode an die Freude“ angelehnt, was der märchenhaften Wirkung keinen Abbruch tut. Also ein bisschen Schauermärchen, meine ich. Die Weide erscheint zugleich als Heilpflanze, Werkzeuglieferant, Ahnbaum, Spukgestalt und Märchenwesen. Diese Vielschichtigkeit trägt das Gedicht über alle Strophen. Deine Ode hat Herz, Handwerk und eine gute Portion literarische Tradition, ohne altbacken zu wirken.
„morsche Schönheit nie zerfällt“ ist ein wunderbar paradoxes Bild - etwas Morsches, das doch „nie zerfällt“, weil seine Schönheit bleibt. Das trifft den Kern der Weide als Archetyp.
der Nachteil daran, spät zu kommentieren, ist, dass eigentlich schon alles gesagt wurde. Mir gefällt die dritte Strophe besonders gut, weil sie in der Tat eine Szene zaubert, wie aus einem Märchenbuch. Schon der Begriff Trauerweide ist ja ganz besonders wie ich finde, da sie Kraft, Biegsamkeit, Schutz und Leichtigkeit in einem zu sein scheint...
All die Oden, die auch die anderen schrieben, haben bei mir dazu geführt, dass jede Menge innere Bilder auftauchten von einsamen, bisweilen auch geheimnisvollen Orten, das fand ich besonders spannend. Vielleicht sollten Menschen häufiger Oden verfassen, damit sie sich dem Geschenk der Schöpfung bewusster werden....
offensichtlich hat euch beiden das Märchenhafte und Archetypische an meinem Gedicht über die Weiden besonders gefallen, obwohl beide Aspekte nur am Rande angeklungen sind. Vielleicht hätte man das Gedicht in diese Richtung weiter ausbauen sollen, dann wäre es aber wohl keine Ode mehr gewesen …sehr gefreut hat mich, dass die morsche Schönheit so viel Anklang gefunden hat und dass ich in diesem Punkt überhaupt verstanden wurde…
Herzlichen Dank euch beiden und ebensolche Grüße aus Lüli, wo die Weiden unter radikalem Rückschnitt zu leiden haben Karlheinz
es tut gut deine Ode an die Weiden zu lesen. Hierbei kommt in mir Ruhe auf. Ich liebe sie auch, und viele Eindrücke aus deinen vielen Strophen teile ich somit. Ich finde es großartig, dass du dabei so viele Strophen geschrieben hast, ganz ohne eine einzige die langweilig wäre, im Gegenteil. In jeder lässt sich neues entdecken und der Abschluss, mit der morschen Schönheit, krönt deine Ode zurecht. Hinsichtlich der Form sagst du etwas wahres. Auch ich überlegte lange und schaute mir verschiedene Odenstrophen an. Mit vielen kam ich so gar nicht in Schreibflussfluss; toll, dass es dir offenbar anders ging.
das mit dem Schreibfluss bei Oden hängt vielleicht damit zusammen, dass wir heutzutage, wenn wir in Lob-Preis-Stimmung sind, eher singen, wie z.B. John Miles in „Music“.
so etwas wie „Music“ ist mir zu schmalzig und zu bombastisch, wenn du weißt, was ich meine…da „lob“ ich mir die gute alte Ode… Generell sind „wir“ wohl heutzutage fast alle zu negativ „drauf“…
Mir ging es vor allem darum, ohne großes Brimborium, ohne übergroßen Wortreichtum eine eher schlichte Form des Lobes zu finden...
aber das ist es doch, was ich meinte. So richtig aus vollem Hals „Großer Gott wir loben dich!“ ist irgendwie out. Eigentlich schade. Ich finde gerade diese Überschänglichkeit von Miles gut.
vermutlich hast du recht, wir sollten eigentlich jauchzen und frohlocken, statt rumzumosern…
wir leiden eigentlich unter unserem eigenen Unvermögen, die kostbaren Dinge zu schätzen, das Loben derselben gelingt aber auch in bescheidenen Worten und Formen, ohne kitschig zu werden…
Herzliche Grüße aus Lüli, wo das Hässliche nicht nur in trostlosem Einheitsgrau, sondern auch in Form von billigem Tand wahre Urständ feiert… Karlheinz
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