Der folgende Text scheint mir in seiner Kürze und Klarheit wichtig. Es geht dabei nicht direkt "über Dichtung", aber indirekt schon, da die Achtung der Schönheit der Sprache deren Voraussetzung ist.
Macht Gendern die Welt tatsächlich gerechter?
von Gerald Ehegartner
Der Aufschrei war groß, als Nationalratspräsident Walter Rosenkranz den Empfehlungen des zwischenstaatlichen Rats für deutsche Rechtschreibung folgte und das Ende von Sonderzeichen wie Asterisk, Doppelpunkt und Schrägstrich in Parlamentstexten verkündete. Doch was denkt die österreichische Bevölkerung über die vermeintlich gendersensible Sprache? Laut der letzten OGM-Umfrage zu diesem Thema (2023) sehen 81 Prozent der Österreicher im Gendern keinen Nutzen – bei Frauen betrug der Wert 79 Prozent.
Nichtsdestotrotz nutzte 2023 die damalige Justizministerin, Alma Zadić, die Gelegenheit, das "Flexible Kapitalgesellschafts-Gesetz" ausschließlich mit femininen Personenbezeichnungen wie "Gesellschafterinnenversammlung" oder "Geschäftsführerinnen" zu formulieren – ein künstlich und fehlerhaft geschaffenes generisches Femininum also, das die Welt inklusiver und femininer machen soll. Nur schafft ein demokratisch nicht legitimierter Sprachumbau tatsächlich eine gerechtere Welt?
Zunächst ist festzuhalten, dass Sprache in einem steten Wandel begriffen ist und Veränderungen von den Sprachträgern selbst unbemerkt bleiben. Die Gendersprache ist somit kein Ausdruck natürlichen Sprachwandels. Josef Bayer, emeritierter Professor für allgemeine und germanistische Linguistik, hat diese Einsicht folgendermaßen formuliert: "Mit natürlichem Sprachwandel hat Gendersprache nicht das Geringste zu tun, denn Sprachen wandeln sich niemals in Richtung Unfug." Sprache gehört uns allen und keine wie auch immer geartete Sprachelite besitzt ein Patent auf sie.
Genus und Sexus
Rund 103 Millionen Menschen sprechen Deutsch als Muttersprache – damit ist es die meistgesprochene Sprache in der EU. 46 Prozent der deutschen Nomen besitzen laut "Duden" ein feminines Genus, 34 ein maskulines und 20 Prozent ein neutrales. Ist die deutsche Sprache etwa feminin? Ja, allerdings nur in Bezug auf das grammatische Geschlecht (Genus). Dieses spiegelt keineswegs das biologische Geschlecht (Sexus) wider – außer bei engen Personenbezeichnungen ("Mutter", "Sohn", "Schwester") und bei der Bildung weiblicher Formen mittels des Suffixes "-in" ("Bürger-in"). Man denke nur an Begriffe wie: "das Mädchen", "der Busen", "die Prostata" "die Männlichkeit", "der Feminismus".
Der Ursprung der deutschen Sprache findet sich in der urindogermanischen bzw. urindoeuropäischen Sprache. Deswegen zählt Deutsch zur indoeuropäischen Sprachfamilie, der mit 3,4 Milliarden Sprechern absolut größten der Welt. Die urindogermanische Sprache kannte ursprünglich keine grammatischen Geschlechter. Vor etwa 5000 Jahren entstanden die ersten beiden Genera, um – vereinfacht gesagt – Akteure und Nicht-Akteure in Sätzen zu unterscheiden. Das dritte Genus ("Femininum") entwickelte sich rund 500 Jahre später, um Kollektiva und Abstrakta zu benennen. Protagoras sollte die Genera viele Jahrhunderte später irreführend als Maskulinum, Neutrum und Femininum bezeichnen. Das System der Genera beruht aber nicht auf biologischen Grundlagen, sondern ordnet nach einem völlig anderen Prinzip. Unglücklicherweise stützt sich gerade das Gendern auf diese falsche Verquickung von Genus und Sexus.
Rund 50 bis 70 Prozent der weltweit etwa 7000 Sprachen verfügen über keine Genera. Ihnen bleibt somit die Genderdebatte erspart. Sozialkonstruktivistisch gedacht müsste in solchen Sprachräumen die Geschlechtergerechtigkeit längst verwirklicht sein – dem ist jedoch nicht so. Man denke nur an genus-freie Sprachen wie Ungarisch, Türkisch, Japanisch, Persisch oder Bengalisch.
Etwa 30 bis 50 Prozent der Sprachen entwickelten ein Genus-System. Viele davon verfügen über ein unmarkiertes Genus für Oberbegriffe, das spezifiziert werden kann. Meist übernimmt diese Funktion das generische Maskulinum. Das Maskulinum selbst kann sowohl als generisches Maskulinum ("Schüler" fordern mehr Freizeit) geschlechtsabstrahierend wirken, als auch als spezifisches Maskulinum Menschen und Tiere männlichen Geschlechts adressieren. Vergleichbar ist dies mit der Doppelrolle des Begriffes "Tag". Er kann einerseits die 24 Stunden währende Zeitspanne, andererseits die hellen Stunden meinen. Frauen sind somit sogar zweifach angesprochen: zum einen durch das unmarkierte generische Maskulinum, zum anderen durch die Ableitung von diesem mittels des markierenden Frauensuffixes "-in".
Gendern bedeutet im Kern nichts anderes, als das generische Maskulinum fehlerhaft zu interpretieren und in Folge aus dem Sprachfeld zu verbannen. Für manche wirkt es gar wie ein Jahrhunderte altes Konstrukt einer üblen Männerverschwörung. In keinem anderen Sprachraum als dem deutschen wird der Umbau der Sprache mit derart ideologischem Feuereifer vorangetrieben. Im Gegensatz dazu greift man in den Niederlanden seit vielen Jahren wieder auf das geschlechtsneutrale, generische Maskulinum zurück.
Um den in der Geschichte beispiellosen und erstmaligen Eingriff in die Sprachstruktur selbst zu rechtfertigen, wird die Sichtbarkeit diskriminierter Merkmale ins Treffen geführt. Im Wesentlichen hat die Sprache zwei Möglichkeiten: merkmalinklusiv ("die Bürger:innen", "des:der Bürger:in") oder merkmalabstrahierend zu formulieren ("die Bürger", "des Bürgers"). Die erste Variante adressiert Merkmale, kreiert dabei jedoch einen inversen Sexismus. Die zweite adressiert den Menschen selbst.
Der aufschlussreiche Vergleich
Hochinteressant ist der Blick auf Sprachen mit einem echten generischen Femininum. Die Völker der Jarawara und der Banawá im südwestlichen Amazonasgebiet verwenden dieses zum Beispiel. Dennoch sind ihre Gesellschaften klar patriarchalisch geprägt.
Im Gegensatz dazu weist die nordgermanische Sprache Isländisch drei Genera im Singular und Plural aus, der Familienname der Kinder wird vom Vornamen des Vaters abgeleitet. Ein Paradies für Patriarchen, könnte man meinen. Das Gegenteil aber ist der Fall: Island führt seit sechzehn Jahren ununterbrochen den weltweiten Global-Gender-Gap-Index an. Deutschland liegt derzeit an der neunten Stelle. Auch im EU-internen Gender-Equality-Index dominieren Länder der germanischen Sprachfamilie: Schweden, Dänemark, Niederlande. Anhand dieser Beispiele zeigt sich, dass der Vorwurf eines linguistischen Patriarchats eine sozialkonstruktivistische Illusion darstellt.
Noch dazu finden sich im Deutschen nicht wenige generisch feminine Oberbegriffe, sogenannte Epikoina. Man denke nur an "die Person", "die Wache", "die Autorität", "die Koryphäe", "die Giraffe". Ich bin als "die" Lehrkraft übrigens gern "die" Supplierung, "die" Vertretung und "die" Aushilfe für Kollegen, ohne mich dabei als weiblich gelesen zu fühlen.
Wir sollten uns vor jenen hüten, die Deutsch, eine Weltliteratur- und Wissenschaftssprache ersten Ranges, für unzulänglich erklären und seine "Heilung" durch eine Gesinnungsgrammatik verheißen.
In keiner Sprache der Welt wurde bisher eine so unfassbare Wortfülle wie im Deutschen nachgewiesen: 23 Millionen Begriffe zählt das "Duden"-Korpus. (Sprach-)Meister Eckhart hat den Begriff "Wirklichkeit" geprägt – mögen wir uns wieder an ihr statt an Ideologien orientieren! Deutsch ist aus Jahrhunderten der Abwertung gestärkt hervorgegangen, es wird sich auch gegen die Priester des säkularen Kults namens Wokeismus erfolgreich behaupten können. "Demütig" liest sich als erstes Wort des "Abrogans", des ältesten erhaltenen Buches in deutscher Sprache. Ein Wort, das man vielen selbsternannten Sprachbrahmanen ins Stammbuch schreiben möchte.
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