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Seite: Ein- und Mehrheber

ALLGEMEIN
Neben der lästigen Silbenzählerei ist es sinnvoll, die Hebungen im Vers zu beachten, denn eine übereinstimmende Anzahl von Silben garantiert noch keinen Gleichklang.
Im europäischen Sprachraum wird die Stammsilbe betont, Vor- und Nachsilben bleiben immer unbetont. Wir richten uns nach der qualifizierenden Zählung unbetonter und betonter Silben, während sich die Lyriker der Antike nach der quantifizierenden Zählung langer und kurzer Silben richteten.
Für das klangliche und singbare Gelingen einer Strophe sind also für uns die Hebungen der Verse, die zusammen genommen eine Einheit bilden, von großer Bedeutung. Hilfreich für die Differenzierung ist die Kennzeichnung X für betonte und x für unbetonte Silben; antike Verssysteme werden für lange Silben mit einem nach oben offenen Bogen ( ∪ ) und für kurze Silben mit einem waagerechten Strich ( - ) gekennzeichnet.



EINHEBER
Selten, meist in Verbindung mit Zwei- oder Mehrhebern.
Jambus mit betontem Schluss
„Wie lebt, / wie hebt, / wie strebt / das Herz in mir“ (Goethe)
xX / xX / xX / xXxX
Daktylus mit betontem Schluss
„Fröhlicher, / seliger, / herrlicher Tag“ (Goethe)
Xxx / Xxx / XxxX



ZWEIHEBER
Beliebt für kleine Lieder, zuweilen mit Kadenzwechsel.
Jambus mit weiblichem Versschluss
„Ich ging im Walde“ (Goethe)
xXxXx
Jambus mit männlichem Versschluss
„Du bist die Ruh“ (Rückert)
xXxX
Trochäus mit weiblichem Schluss
„Aus der Wolke / quillt der Regen“ (Schiller)
XxXx / XxXx
Trochäus mit männlicher Kadenz
„Viere lang / zum Empfang“ (Liliencron)
XxX / XxX
Daktylus ohne Auftakt (adonischer Vers)
„Heut(e), nur heute, / bin ich so schön“ (Storm)
XxxX ( x ) / XxxX
Daktylus mit unbetontem Auftakt
„Komm Liebchen, es neigen / die Wälder sich dir" (Jacobi)
xXxxXx / xXxxX



DREIHEBER
Beliebt im Volks- und Kirchenlied.
Jambus, weiblich schließend
„Oh Haupt voll Blut und Wunden“ (Gerhardt)
xXxXxXx
Trochäus, weiblich schließend
„Bunt sind schon die Wälder“ (Saalis-Sewis)
XxXxXx
Trochäus, männlich schließend
„Freiheit, die ich mein(e) / die mein Herz erfüllt" (Schenkendorf)
XxXxX (x) / XxXxX
Daktylus ohne Auftakt, mit männlichem Schluss
„Quellende, schwellende Nacht“ (Hebbel)
XxxXxxX
Daktylus mit unbetontem Auftakt und weiblichem Schluss
„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ (Heine)
xXxxXxxXx



VIERHEBER
Jambisch
Weiblich oder männlich gereimt, im Kreuz-, Paarreim oder umarmenden Reim und vierzeilig gehört er zu den beliebtesten deutschen Strophenformen. Im Wechsel aus männlichen Vierhebern mit weiblichen Dreihebern und unbetonten Auftakten ergeben sich die Vagantenstrophe, die sehr häufige Schweifreimstrophe und der Knittelvers.
Mit männlicher Kadenz im Paarreim
„Vom Himmel hoch, / da komm ich her“ (Luther)
xXxX / xXxX
Mit wechselnden Kadenzen im Kreuzreim
„Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
den schickt er in die weite Welt“ (Eichendorff)
xXxXxXxXx
xXxXxXxX

Trochäisch
Im Barock beliebter Liedvers mit männlichen Paarreimen, zudem für Sprüche mit weiblichen Kadenzen. Ende des 19. Jh. erhielt er durch Busch eine humoristische Prägung (Max und Moritz). Im Rokoko entwickelte sich der meist weiblich schließende, reimlose Vers zum ‚anakreontischen Vers’. In der Romantik entstand vor allem durch Heines Vorliebe für reimlose Vierheber und Herders Übersetzungen der (spanische) Romanzenvers im Kreuzreim für Balladen und Lieder. Bei Goethe finden sich wechselnde Reime und wechselnde Kadenzen, was seinen Balladen besondere Bewegung verleiht.
Mit männlichen Kadenzen im Paarreim
„Nord und West und Süd zersplittern
Throne bersten, Reiche zittern.“ (Goethe)
XxXxXxXx
XxXxXxXx
Ungereimt im gleichen Metrum, mit weiblichen Kadenzen
„Täglich ging die wunderschöne
Sultanstochter auf und nieder“ (Heine)
XxXxXxXx
XxXxXxXx
Im Kreuzreim mit weiblichem Schluss und wechselnden Kadenzen
„Preisend mit viel schönen Reden
Ihrer Länder Wert und Zahl“ (Kerner)
XxXxXxXx
XxXxXxX

Daktylisch
Auftaktlos und männlich schließend ist dieser Vierheber recht selten anzutreffen, etwas häufiger im Kreuzreim mit wechselnden Versschlüssen. Beliebt ist er mit unbetonten Auftakten und männlichen oder weiblichen Kadenzen, weil sich damit eine beschwingte Bewegung ergibt.
Ohne Auftakt, männlich schließend
Eia, popeia, was raschelt im Stroh? (Kinderreim)
XxxXxxXxxX
Mit wechselnden Kadenzen im Kreuzreim
„Mitten im Schimmer der spiegelnden Wellen
gleitet wie Schwäne der wankende Kahn“ (Stolberg)
XxxXxxXxxXx
XxxXxxXxxX
Mit Auftakt und männlich schließendem Reimpaar
„Es zogen drei Burschen wohl über den Rhein“ (Uhland)
xXxxXxxXxxX
Mit Auftakt und wechselnden Kadenzen
„Wir singen und sagen vom Grafen so gern,
der hier in dem Schlosse gehauset“ (Goethe)
xXxxXxxXxxX
xXxxXxxXx



SECHSHEBER
Zitat Goethe: „... ist er für uns Deutsche zu lang, wir sind wegen der fehlenden Beiwörter schon mit fünf Füßen fertig ...“;

Jambisch
Reimlos mit durchweg männlicher Kadenz und wechselnden Teilungen (meist vor der dritten Hebung); jambischer Trimeter; (Hauptvers antiker Dramen)
Der Fackel Flamme, / morgendlich dem Stern voran. (Goethe)
xXxXx / XxXxXxX
Reimlos mit männlicher Kadenz und belebender zweisilbliger Senkung
Verlasset nun des Gesanges freudumgebnen Pfad. (Goethe)
xXxXxxXxXxXxX
Zwei durch eine deutliche Mittelzäsur und zwei unbetonte Silben zusammengefügte Dreiheber; neue Nibelungenstrophe
Es stand in alten Zeiten / ein Schloss so hoch und her. (Uhland)
xXxXxXx / xXxXxX
Sowohl weiblich als auch männlich paarig reimend; mit deutlicher Zäsur nach der dritten Hebung; Alexandriner
Der schnelle Tag ist hin, die Nacht schwingt ihre Fahn (Gryphius)
xXxXxX / xXxXxX
Heroischer Alexandriner: Wechsel von weiblichen und männlichen Reimpaaren; Paarreim
Elegischer Alexandriner: Kreuzreim (abab)
Weiblich oder männlich gereimt; ohne Mittelzäsur
Am Abend wir man klug für den vergangnen Tag.
Doch niemals klug genug für den, der kommen mag (Rückert)
xXxXxXxXxXxX
xXxXxXxXxXxX

Trochäisch
Männlich schließend und zu Reimpaaren verbunden (stampfend; drückt Härte und Gewalt aus)
Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
aufgestanden unten aus Gewölben tief.
In der Dämmrung steht er, groß und unerkannt,
und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand. (Heym)
XxXxXxXxXxX
XxXxXxXxXxX
XxXxXxXxXxX
XxXxXxXxXxX
Wechselnde Kadenzen im Kreuzreim (gefühlig, ausladend)
Purpurschwere, wundervolle Abendruhe,
grüßt die Erde, kommt vom Himmel, liebt das Meer.
Tanzgestalten, rot gewandet, ohne Schuhe,
kamen rasch, doch sie versinken mehr und mehr. (Däubler)
XxXxXxXxXxXx
XxXxXxXxXxX
XxXxXxXxXxXx
XxXxXxXxXxX
Mit symmetrisch eingefügten Doppelsenkungen, reim- und auftaktlos; asklepiadeische Odenstrophe
Die der schaffende Geist einst aus dem Chaos schlug,
Durch die schwebende Welt flieg' ich des Windes Flug, (Schiller)
XxXxxXXxxXxX
XxXxxXXxxXxX

Daktylisch
Auftakt- und reimlos mit weiblicher Kadenz, wechselnde Verteilung der Doppelsenkungen und der Satzgrenzen, am Versende immer Daktylus-Trochäus; Hexameter
Grundform: XxxXxxXxxXxxXxxXx
Trochäus im Auftakt: XxXxxXxxXxxXxxXx
Trochäus nach der ersten und zweiten Hebung: XxXxXxxXxxXxxXx
Trochäus nach der dritten und vierten Hebung: XxxXxxXxXxXxxXx
Satzgrenzen bzw. Einschnitte befinden sich meist nach der dritten und vor der fünften Hebung:
Xx ( x ) Xx ( x ) X / X ( x ) / Xxx / Xx
Auftakt- und reimlos, männlich schließend, feste Zäsur zwischen zwei Hebungen in der Mitte des Verses, Trochäen nur in der ersten Hälfte; Pentameter
Grundform: XxxXxxX / XxxXxxX
Trochäus im Auftakt: XxXxxX / XxxXxxX
Trochäus nach der zweiten Hebung: XxxXxX / XxxXxxX



Einige Beispiele entnommen aus 'Wie interpretiere ich ein Gedicht', Horst J. Frank, ISBN 3-8252-1639-X, UTB-Verlag

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