#1 Vagantenstrophen von Heliane 11.03.2014 14:07

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VAGANTENSTROPHEN

Allgemein
Strophenmaß der Volkslieddichtung sowie der volksliedhaften Lyrik, welches sich aus der Vagantenstrophe der lat. Lyrik des Hoch-MA (Archipoeta) entwickelte. Der Ursprung ist unbekannt, wird aber seit dem 12./13. Jh. den Namensgebern zugeschrieben. Es handelte sich um fröhlich-witzige, kritisch-anzügliche und scharfzüngig-böse Texte, die sich gegen etablierte Mächte jeglicher Stellung richteten und keinen Halt vor Sakralem machten. Es entstand ein „Gelehrtenproletariat“, dessen Texte auch den Hochmut der Intellektuellen gegenüber dem ungebildeten Volk wiederspiegelten. „Carpe diem“ (Nutze den Tag) wurde zum Inbegriff der Vagantenlyrik als Lobpreisung eines ungebundenen Lebensgenusses, der Liebes- und Sinnesfreuden. Neuzeitliche Studentenlieder, „Gaudeamus igitur“ (Lasst uns also fröhlich sein) beispielsweise, gehen auf Vagantentexte zurück.

Form
Der „Vagantenvers“ bestand aus vier rhythmischen Langzeilen: Einem auftaktlosen, endbetonten viersilbigen Siebenheber (Anvers) und einem dreihebigen Sechssilber mit einer deutlichen Dihärese nach der 4. Hebung und klingender Kadenz. Vier durchgereimte Vagantenzeilen bilden die Vagantenstrophe.
Zunächst wurden die Langverse durch Reime zu einem Verspaar verbunden; durch Teilung der Langverse ergaben sich später vierzeilige Strophen aus trochäischen Vier- bzw. Dreihebern mit männlicher bzw. weiblicher Kadenz im Kreuzreim.

Glossar:
Abvers (Langvers): Versmaß für längere Verse in zweiteiliger Form, die Teile sind meist gleich lang (auch An- und Abvers). in der Reimfolge, metrisch und syntaktisch vom Aufgesang deutlich abgesetzt
Anvers: Siehe 'Abvers'.
Auftakt (Anakrusis): Bezeichnung für unbetonte Silben, die vor der ersten Hebung eines Verses liegen.
Dihärese: Zerlegung einer Lautfolge; Verseinschnitt, der mit einem Versfuß zusammen fällt.
Hebung/Senkung: Die leichten, schwachen bzw. kurzen Silben sind meist einsilblig und werden als Hebung bezeichnet; die schweren, starken bzw. langen Silben sind ein- oder mehrsilblig und werden als Senkung bezeichnet.
Kadenz: Ende eines Verses; klingend (weiblich), stumpf (männlich)
Kreuzreim: Wechselreim abab
Langvers: Zeilen von mehr als 5/6 Hebungen oder Takten
Trochäus: Antiker Versfuß der Form XxXxXx......
Vagantenlyrik: Heitere, spöttische Texte, Satiren, Parodien, auch Sinnliches und Bettellieder, Kunst der Vaganten (der „Umherstreifenden“) im MA; bekannteste Sammlung: Carmina Burana.

Beispiel
Unter Sternen (Gottfried Keller)

Wende dich, du kleiner Stern,
Erde! Wo ich lebe,
Dass mein Aug, der Sonnen fern,
Sternenwärts sich hebe.


Versmaß
XxXxXxX
XxXxXx
XxXxXxX
XxXxXx

Vagantenstrophen aus dem Musengarten I
Vagantenstrophen aus dem Musengarten II

Quellennachweis
Wolfgang Kayser: Kleine deutsche Versschule; UTB, ISBN 978-3-1727-3
F.G. Jünger: Rhythmus und Sprache im deutschen Gedicht; Cotta Verlag, ISBN 3-608-95489-9
Chr. Wagenknecht: Deutsche Metrik; CH. Beck Verlag, ISBN 798-3-406-55731-6
H.J. Frank: Handbuch der deutschen Strophenformen; UTB für Wissenschaft, ISBN 3-8352-1732-9

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