#1 Der Teufelsstein von Thomas 23.03.2020 06:40

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Der Teufelsstein

Die Mauerreste zeigen noch gut,
wo Kloster Limburg stand.
Was Gott geschützt vor Teufels Wut,
zerstörte Menschenhand.

Nicht weit davon liegt unversehrt
am Bergeshang allein,
dem einstigen Kloster zugekehrt,
der große Teufelsstein.

Vor nunmehr tausend Jahren ließ,
voll Selbst- und Gottvertraun,
ein Mönch und Abt, der Gumbert hieß,
des Klosters Kirche baun.

Einst kam der Teufel selbst vorbei,
die Neugier trieb ihn her,
und fragte Gumbert, was es sei,
wozu man groß und schwer

die Steine schleppe zu diesem Bau.
Herr Gumbert war gewitzt:
"Das wird ein Wirtshaus", sprach er schlau,
"wo Sünder bei Sünder sitzt,

von denen jeder des Teufels ist,
der solche Seelen jagt."
Der Teufel merkte nicht die List,
er hat sich sehr geplagt

und schleppte fleißig Steine bei.
Rasch stieg der Bau empor,
vollendet waren eins, zwei, drei
die Türme und der Chor.

Als dann vom Turm die Glocke lud
ins Gotteshaus hinein,
da tobte der Teufel voller Wut,
schwor Rache, Tod und Pein.

Und alle Menschen liefen fort,
man jammerte und schrie.
Nur Jungfer Gundhild blieb am Ort,
fiel gläubig auf die Knie,

rief Gott den Herrn um Hilfe an,
im Gotteshaus allein.
Der Teufel schleppte nun heran
den allergrößten Stein.

Er schwang ihn hin, er schwang ihn her,
fixierte schon sein Ziel,
da machte Gott den Stein so schwer,
dass er zu Boden fiel.

So wurde die Kirche vor Teufels Gewalt
gerettet durch Gottes Hand.
Doch leider wurde das Kloster bald
in Fehden zerstört und verbrannt.

Die Mauerreste zeigen noch gut,
wo Kloster Limburg stand.
Was Gott geschützt vor Teufels Wut,
zerstörte Menschenhand.



© Ralf Schauerhammer



P.S.: Die Sage wurde schon im 19. Jahrhundert von Franz Weiß in Gedichform gebracht, welches jedoch nicht der Form einer Ballade entspricht. Hier ist es:



Der Teufelsstein


I.

Wie lustig regen sich die Hände
Bei Limburgs pracht'gem Klosterbau!
Bald naht er dem ersehnten Ende,
Schon ragt er hoch ins Himmelsblau.

Das grosse Werk, es ist gelungen,
Die Kuppel wölbt sich stolz und kühn,
Und schlank erheben, leicht geschwungen,
Die Thürme sich darüber hin.

Wohl haben Alle unverdrossen
Dem Werk gewidmet ihre Kraft,
Dem Herrn zu Ehren, der vergossen
Sein Blut für uns am Kreuzesschaft.

Doch unter Allen sah man Einen,
Der unermattet Tag und Nacht
Sich schleppte mit den schwersten Steinen,
Aus weiter Ferne hergebracht.

Vielleicht ein Sünder war's, getrieben,
Zu suchen der Versöhnung Glück?
Wohl war's ein Sünder, doch ihm trüben
Der Reue Thränen nie den Blick.

Der Teufel war's, ihm ward berichtet,
Ein Wirthshaus solle hier erstehn,
Drum hatt' er willig sich verpflichtet,
Handlangerdienste zu versehn.


II.

Zum Hochamt rufen laut die Glocken
Von allen Seiten drängt die Schaar
Der Gläubigen sich mit Frohlocken
Zum kerzenhellen Hochaltar.

Des Chores Feiertöne wogen
Zur Weihe durch das Gotteshaus.
Der Teufel merkt, er sei betrogen,
Und fährt in wildem Grimm hinaus.

Was soll er thun? Sein ganzes Dichten
Ist nun zur Rache hingewandt;
Nicht säumen will er, schnell vernichten
Will er das Werk der eignen Hand.

Tief stürzet er voll Schadenfreude
Hinab sich in der Erde Schoos,
Und wühlt aus ihrem Eingeweide
Der Felsen fürchterlichsten los.

Und eilet damit zu der Höhe,
Die gegenüber sich erhebt,
Wo Limburg's Tempel in der Nähe
Mit seinen Türmen aufwärts strebt.

Zertrümmern will er das Gebäude,
Das sich durch seine Kunst gefügt,
Das bald nur Trauer weckt, nicht Freude,
Wenn nun des Satans Tücke siegt.


III.

Im Himmel anders ist's beschieden,
Das Kloster steht in seiner Hut;
Nicht stören darf den Gottesfrieden
Des Frevlers unheilvolle Wut.

Schon hat er sich zum Wurf bereitet,
Da blendet Lichtglanz seinen Blick;
Bin Himmelsbote, weiss gekleidet,
Hält Ihm die rohe Hand zurück.

Was willst du thun? spricht sanfter Stimme,
In Glanz zerfliessend, die Gestalt;
Der Teufel flucht in seinem Grimme,
Doch ihm entfällt der Stein alsbald.

Ermattet fühlt er seine Glieder
Unfähig jetzt zu allem Tun;
Er setzt sich auf den Felsen nieder,
Um Kraft zu sammeln und zu ruhn.

Doch wie er sitzt, fasst ihn Entsetzen:
Der Stein erweicht sich unter ihm;
Wut muss ihm nun die Kraft ersetzen,
Er springt empor mit Ungestüm.

Und knirschend will den Stein er schwingen,
Um ihn zu schleudern auf sein Ziel.
Umsonst! Es will ihm nicht gelingen,
Er ist der höhern Mächte Spiel.

Stets rollt der Stein aus seinen Händen,
So oft er ihn auch fassen will.
Er kann die Untat nicht vollenden,
Und fliehet fort mit Wutgebrüll.

Und wo er sass, sieht man die Spuren
Tief in den Felsen eingedrückt,
Und wo hinein die Krallen fuhren,
Da wird der Griffe Mal erblickt.

Noch ruhet auf derselben Stelle,
Ein stummer Zeuge und allein,
Wo er entfiel dem Herrn der Hölle,
Auf hohem Berg der Teufelsstein.



[Quelle des angeängten Bildes ist Wikipedia]

#2 RE: Der Teufelsstein von Carlino 23.03.2020 10:31

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Lieber Thomas,

sehr schön! Genauso hatte ich mir das vorgestellt!!!

Muss es in der 7. Strophe nicht der Chor heißen?

Liebe Grüße aus Lüli
Karlheinz

#3 RE: Der Teufelsstein von Thomas 23.03.2020 11:29

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Lieber Karlheinz,

vielen Dank. Ich dachte in der Architektur sei Chor Neutrum.

Liebe Grüße
Thomas

#4 RE: Der Teufelsstein von Thomas 23.03.2020 14:22

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Liebe Heliane,

ich wollte es eigentlich noch unregelmäßiger machen, denn es sind meiner Meinung nach Chevy-Chase-Strophen.

Diese Strophe besteht aus vier auftaktigen und betont endenden Versen, die wechselnde Hebungen aufweisen: V 1 und 3 haben vier, die Verse 2 und 4 drei Hebungen. Dem Wechsel entsprechend, reimen sich die Verse 1 und 3 bzw. 2 und 4 (Kreuzreim); alle Verse haben männliche (stumpfe) Kadenzen. Beispiel Archibald Douglas.

Liebe Grüße
Thomas

#5 RE: Der Teufelsstein von anna a. 23.03.2020 18:42

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Lieber Thomas,

diesen Teufelsstein muss ich unbedingt mal aufsuchen. Ich empfand die Wiederholung der ersten als letzte Strophe sehr wohltuend und auch, wenn die Füßchen wechselten, so las ich es doch als sehr flüssig. Hinkt der Teufel nicht auch?

Beste Grüße

anna a.

#6 RE: Der Teufelsstein von Clara 23.03.2020 19:05

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Lieber Thomas,

das ist ein spannende Geschichte, die ich überhaupt nicht kannte. Und ja, sie lädt zum Reisen und Nachschaun ein.
Die Chevy-Chase Strophe hätt' ich jetzt nicht erkannt, aber ich bin da eh noch etwas unbedarft, umso mehr freu ich mich, dass du dich auf rhythmische Experimente eingelassen hat.
In der momentanen Lage braucht mensch Auflockerung und Freiheit und sei es nur zwischen den Reimen.

Danke für diese Story und das Bild
liebe Grüße
Clara

#7 RE: Der Teufelsstein von Thomas 23.03.2020 21:08

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Liebe anna, liebe Clara,

herzlichen Dank für eure positive Aufnahme des Gedichts. Als ich die Idee bekam und dann im Internet fand, dass sie schon in Gedichtform existierte, war ich erst einaml entmutigt. Aber dann merkte ich, dass das alte Gedicht eigentlich keine richtige Ballade ist, sondern eine gereimte Erzählung und ging ans Werks, das mir viel Freude bereitete.

Liebe Grüße
Thomas

#8 RE: Der Teufelsstein von Thomas 23.03.2020 21:59

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Liebe Heliane,

bei den Strophenformen führst du selbst Archibald Douglas als Beispiel für die Chevy-Chase-Strophe an. Hier die erste Strophe :

Ich hab' es getragen sieben Jahr,
x X x x X x X x X
und ich kann es nicht tragen mehr,
x x X x x X x X
wo immer die Welt am schönsten war,
x X x x X x X x X
da war sie öd' und leer.
x X x X x X

Der besondere Reiz dieser Form liegt meiner Meinung nach gerade in der unregelmäßigen Füllung. Rein jambisch ist es die Volkliedstrophe, welche eben nicht die Chevy-Chase-Strophe ist.

Liebe Grüße
Thomas

#9 RE: Der Teufelsstein von Sanderling 24.03.2020 07:46

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Lieber Thomas,
deine Ballade ist sehr schön geworden und erzählt wundersam von der Kraft des Glaubens. Der Fluss des Erzählens stockt nie, ebenso deine reichen Bilder, großartig. Die Wiederholung der ersten Strophe am Schluss gefällt mir besonders und erinnert mich irgendwie daran, das Anfang und Ende in Gottes Hand liegen. - Nur so eine spontane Assoziation.
Liebe Grüße
der Sanderling

#10 RE: Der Teufelsstein von Clara 24.03.2020 09:10

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Guten Morgen, lieber Thomas,


jetzt ist mir klar, warum ich deine Chevy-Chase-Strophe nicht gleich als solche erkannte. Das ist das gleiche Phänomen, das mir beim Hexameter passiert ist, dass zwar die Hebungen und männlichen Kadenzen festgelegt sind, nicht aber die Füllungen. . Ich schreibe ja gerne moderne, freie Gedichte, das wird sich auch nicht ändern, aber so langsam fangen mir die klassischen Formen an, richtig Spaß zu machen.

Zitat
Die Chevy-Chase-Strophe ist nach einer im 16. Jahrhundert in England aufgezeichneten volkstümlichen Ballade benannt, die eine Jagd (engl. chase) auf den Cheviotbergen schildert. Sie ist die Strophenform der meisten englischen Volksballaden. In Deutschland wurde sie im 18. Jahrhundert populär und ist häufig die Strophenform kämpferischer, militärischer Gesänge.
Die Chevy-Chase-Strophe besteht aus vier auftaktigen, abwechselnd vier- und dreihebigen, betont endenden Versen. Hebung und Senkung können alternieren, es besteht aber Füllungsfreiheit, d.h. auf eine Hebung können auch zwei Senkungen folgen. Im englischen Original reimen sich nur die zweite und vierte Zeile, in Deutschland überwiegt der Kreuzreim.


(Literaturwissenschaften, Universität Duisburg-Essen)

Liebe Grüße
Clara

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