#1 Wertung von Thomas 24.07.2018 21:25

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Wertung

Wie ein Scheit Holz, geschlagen und gespalten
und von der Flamme schließlich aufgezehrt,
als ob wir im Vergehen erst den Wert,
der scheinbar unerkennbar ist, erhalten,

weil unser Alltagsleben nicht das Walten
der tiefen Kräfte unsres Seins erfährt,
die von den groben Sinnen abgekehrt
die Welt nach einem Schöpfungsplan entfalten,

so leben wir für eine ganze Zeit
in steter Ruhe und Zufriedenheit
und folgen dem verborgnen Schicksal blind.

Und schickt es manchmal übergroßes Leid,
dann müssen wir geduldig wie das Scheit
vergehen, um zu werden, was wir sind.




© Ralf Schauerhammer

#2 RE: Wertung von Sanderling 24.07.2018 23:05

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Lieber Thomas,
ich beginne einfach dir meine Gedanken und Gefühle zu deinem Gedicht zu nennen. Schauen wir, wo wir auskommen.- Welch großes Vertrauen in die Sinnhaftigkeit der tiefen Kräfte unseres Seins vermittelst du hier, und gibst deinen Gedanken eine besondere lyrische Gestalt. Ein Scheit Holz, in dem soviel Symbolkraft liegt. Absatz zu Absatz binden mich deine Worte und münden in einem inneren Dialog mit mir, ohne den ich gar kein Verständnis deine Textes erhielte. Die umarmenden Reime der ersten zwei Strophen implizieren für mich das Getragensein des LI, in der Hoffnung auf Erfüllung, nach welch leidvollen Erfahrungen auch immer. Der Wechsel in Strophe drei und vier zu dreizeiligen Strophen wirkt dennoch organisch, und in der Wirkung fast schlicht.
Dein Text rührt mich. macht mich ehrfürchtig dem Leben gegenüber und vergessen, dass die halbe Welt hier unserem Dialog folgen kann. Dein Gedicht ist es wert, dass dies auch geschehe.
herzlich
der Sanderling

#3 RE: Wertung von Derolli 25.07.2018 15:14

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Lieber Thomas,

was für ein tiefsinniges Sonett.

Weshalb scheust du den offensichtlichen Reim (s1v4 entfalten, s2v4 gestalten) zweimal, darin muss ein tiefer Sinn liegen, der sich mir aber nicht offenbaren will.

Da die Sprache so perfekt sitzt, hadere ich ein wenig mit der Wortverkürzung (verborgnen s3v3), vielleicht wäre ein Wort, dass zusätzlich zu dem versteckten Aspekt, auch den erhabenen oder hochwertigeren Aspekt der verborgenen Seele hervorhebt nochmal eine Suche wert.

Wie immer haben mich deine Worte innehalten und in mich kehren lassen. Es tut gut solche Qualität lesen zu dürfen.

Cu

Derolli

#4 RE: Wertung von Thomas 25.07.2018 21:11

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Lieber Sanderling,

was du zur Wirkung der Form sagst, freut mich. Bisweilen wird ja gesagt, dass ein Sonett möglichst nur weiblichen Kadenzen haben soll. Ich habe hier aber aus einem bestimmten Grund nur für die Strophenenden weibliche Kadenzen gewählt und ansonsten männliche.

Lieber Derolli,

das "verborgen" hängt mit dem "scheinbar unerkennbar" in der ersten Strophe zusammen, und mir fällt i.A. nichts Besseres ein. Das "entfalten" muss meiner Meinung nach in der zweiten Strophe stehen, denn der Plan legt nicht alles im Einzelnen fest, sondern ist einer Art Samen, der sich mit Freiheit entfalten kann.

Dank und liebe Grüße euch beiden
Thomas

#5 RE: Wertung von Sanderling 26.07.2018 07:00

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Lieber Thomas,
deine Aussage zu den Kadenzen macht mich neugierig. Wolltest du deine Gedanken vielleicht, durch einen Hinweis in der Wahl der Kadenzen um ein Spannungsfeld erweitern, nämlich das zwischen Mann und Frau?
Vielleicht soll deine Begründung ja aber auch gar nicht an's Licht.
viele Grüße
der Sanderling

#6 RE: Wertung von Thomas 26.07.2018 16:40

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Lieber Sanderling,

es unterstützt meiner Meinung nach die Phrasierung der Strophen.

Liebe Grüße
Thomas

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