#1 Freiheit von Ostseemöwe 02.10.2017 10:21

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Freiheit

Achtundzwanzig Jahre lebe ich,
lebe frei
nach meinem Willen.
Aufrecht,
mein Gewissen als Kompass.

Freiheit –
ich schmecke sie heute
selbstverständlicher als damals.
Damals, als ich nach ihr lechzte,
heimlich
in fremden Wörterbüchern
suchend nach mir selbst.

Auf der Straße, die Mauer
der Staatsgewalt meinte,
mich schützen zu müssen
vor der Freiheit.
Die Mauer schrie ich fort
aus meiner Seele.
Ja, sogar die Mauer in meinem Kopf,
die Maske vor meinem Gesicht,
die Krücken in meinen Händen.
Der ganze Kitt brach auseinander.
Nur Kitt hielt meine Insel
und ich floh.

Freiheit –
welch ein Segen!
Nur den Segen ahnte ich,
nicht die Last.
Auszuhalten ungeliebte
Reden ohne Gewalt,
Gegenargumente suchend.

Nun bin ich frei,
frei zu bleiben, zu gehen,
frei zu reden und zu schreiben,
frei zu fragen und zu hinterfragen,
frei zu wählen.

Ja, ich darf wählen,
fällt es mir auch schwer
im Dschungel der Wirrnis.
Ich darf, selbst irren ist kein RECHTSbruch,
ein Verbrechen könnte es sein
an der Menschlichkeit – meine Wahl.

Doch was ich auch wähle,
was du auch wählst,
bedenke –
denke an die Zeit,
als mein Mund zu oft schwieg aus Angst,
meine Augen immer den Lauscher suchten,
ich nur hören, lesen, sehen durfte, was ich sollte,
die Gefängnismauern undurchdringlich,
Kunst und Wissenschaft ein Sumpf waren.

Ich wählte das Recht
zu lieben und geliebt zu werden.
Ich wählte das Recht
zu teilen und Teil des Ganzen zu sein.
Ich wählte meine Freiheit.

#2 RE: Freiheit von Thomas 02.10.2017 12:15

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Liebe Ilona,

dein Gedicht ist sehr interessant und gut geraten, insbesondere das "Nur den Segen ahnte ich, / nicht die Last." ist ein tiefer Gedanke, der so oft übersehen wird, den Freiheit ohne Maß und Gesetze gibt es nicht, bzw. ist anarchie, die genauso schlimm ist wie Unfreiheit.

Liebe Grüße
Thomas

#3 RE: Freiheit von 02.10.2017 15:43

Liebe Ilona,

Freiheit, doch vor welchen Grenzen. Freiheit ist immer eine Freiheit die dann auch wieder neue Grenzen hat und alte die bleiben. Du schreibst welche Freiheiten Du möchtest. Gehen, schreiben, fragen, wählen sind nur ein Teil von vielen und doch können sie eine Auswahl sein, die ein hohes Gefühl von Freiheit ermöglichen, für einen Menschen dem dies wichtig ist. Eine Aussage die das Thema mit guten Aspekten darstellt.

LG Hans

#4 RE: Freiheit von Heliane 02.10.2017 17:29

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Liebe Ilona
wie schön, dich zu lesen !
Ein schönes, offenes Gedicht, das mit viel Herzblut geschrieben ist und mir sehr gut gefällt. Denke bitte mal darüber nach, ob du die letzte Strophe nicht besser in den Indikativ setzen solltest. Ich glaube, das gäbe deinem Werk den letzten Schliff.
Trotz der Länge sehr gerne gelesen – es hätte gerne noch weitergehen können .
Herzliche Grüße,
Heliane.

S3 V2: (der Staatsgewalt) meinte (Komma, warum die Klammern?)
S4 V3: Nur den Segen ahnte ich (Komma,)
S4 V6: Reden ohne Gewalt (Komma,)
S5 V4: frei zu fragen und zu hinterfragen (Komma,)
S6 V3: (im Dschungel der Wirrnis). (Warum die Klammern?)
S6 V6: an die Menschlichkeit – meine Wahl. (der Menschlichkeit)
S7 V4: denke an die Zeit (Komma,)
S7 V5: als mein Mund zu oft schwieg aus Angst (Komma,)

#5 RE: Freiheit von Ostseemöwe 02.10.2017 18:39

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liebe Heliane
Dein Thema war viel zu verlockend um nicht dabei zu sein. ist ja irgendwie freie Lyrik.
Ich entschuldige mich für meine Kommafehler und werde sie gleich verbessern.
Zu S3 V2 habe ich die Staatsgewalt in Klammern gesetzt weil es auch zusätzlich eine Mauer aus Stacheldraht und Beton gab. Ich wollte es dadurch doppeldeutiger machen. Ist es mir nicht gelungen?
S6 V3: hatte ich gesetzt um eine Erklärung des Satzes davor zu geben. Im Nachhinein denke ich sie könnte weg.
Ich habe noch keine Ahnung wie ich die letzte Strophe mit gleicher Aussage in den Indikativ bringen kann. Ich werde aber daran arbeiten.
Vielen Dank für Deine Hilfe.
herzlich Ilona

#6 RE: Freiheit von Heliane 02.10.2017 18:53

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Liebe Ilona,
ich mag Klammern weder in Gedichten noch in fortlaufenden Texten nicht, es war nur ein sehr persönlicher Vorschlag.
Schau mal, ich meine es so, ist aber auch nur ein Vorschlag:
Ich wählte das Recht
zu lieben und geliebt zu werden.
Ich wählte das Recht
zu teilen und Teil des Ganzen zu sein.
Ich wählte meine Freiheit.
Es freut mich, dass dir die Aufgabe gefallen hat .
Herzliche Grüße,
Heliane.

#7 RE: Freiheit von Sanderling 03.10.2017 09:34

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Liebe Ilona,
da ist dir in meinem Augen ein "starkes Stück" gelungen. Nicht auf Anhieb erkannte ich die Form; da es ja eine "Freie ist", und ich mich zudem weniger als ihr damit befasste, ist das sicher kein Manko.
Ganz stark finde ich deinen Exkurs zum Thema Freiheit, da er viele Facetten beleuchtet, das gefällt mir gut. Deine Einfügungen in den Klammern würde ich auch vermeiden, da es vielleicht auch eine geänderte Schreibweise von MAUER tun würde, um diese eindeutig zu identifizieren.
Schön. dass du wieder dabei bist Ilona.
herzliche Grüße,
der Sanderling

#8 RE: Freiheit von Ostseemöwe 03.10.2017 10:31

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hallo Hans
natürlich ist Freiheit ein Begriff der in einem Gedicht nie ganz beleuchtet werden kann. Zur Freiheit gehört immer die induviduelle und die gesellschaftliche Freiheit. Ich habe versucht meine Freiheit zu beleuchten und sie im Kontext zu meinem Leben zu setzen. Alleine das ich in diesem Land aus eigenem Willen Entscheidungen treffen darf ist für mich immer noch "das größte Geschenk". Gegner sagen, ich konnte auch in der DDR frei agieren und leben. Natürlich konnte ich das, nur ich hatte mit Konsequenzen der Saatsmacht zu rechnen und die konnten von Berufsverbot bis zu Zuchthaus gehen.
Lieber Sanderling
vielen Dank für das "starke Stück". Ich liebe diese Form der Dichtung, sie gibt mir die Freiheit ohne über Reime nachdenken zu müssen mich ausdrücken zu können.
herzlich Ilona

#9 RE: Freiheit von Klatschmohn 05.10.2017 11:52

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Liebe Ilona,

Ein Hohes Lied der Freiheit hast Du hier gestaltet. Sehr viel Persönliches scheint für mich durch und imponiert mir in der Intensität Deiner Erzählung.
Die 4. Strophe, oder Absatz gefällt mir am besten.
Die 5. Strophe gibt mir ein Rätsel auf. Du wolltest doch sicher nicht sagen, dass Verbrechen an der Menschlichkeit im Bereich der Freiheit liegt?
Die Rückschau im 6. Absatz finde ich auch spannend und nehme den nächsten Absatz dann als Glaubenssatz für die Lebensgestaltung.
Danke für die Einblicke, die man so als Wessi sich kaum vorstellen kann.

Liebe Grüße, Heidi

#10 RE: Freiheit von Ostseemöwe 05.10.2017 13:22

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liebe Heidi

Zitat
Die 5. Strophe gibt mir ein Rätsel auf. Du wolltest doch sicher nicht sagen, dass Verbrechen an der Menschlichkeit im Bereich der Freiheit liegt?


ich sage:
selbst irren ist kein RECHTSbruch,
ein Verbrechen könnte es sein
an der Menschlichkeit -------------------
leider ist irren, oder falsche Schlüsse ziehen oft kein Bruch des Rechtes nach unseren Gesetzen.
Sonst würde sich die Wirtschaft für millionenfachen Mordes verantworten müssen. Die Regierung müßte sich verantworten müssen, wenn sie Menschen in Kriegs- und Krisengebiete abschiebt.
Menschlich ist es aber ein Verbrechen.
Für Dein Lob herzlichen Dank
Ilona

#11 RE: Freiheit von Klatschmohn 05.10.2017 14:21

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Liebe Ilona,

alle Unklarheiten beseitigt! Danke!

Lieben Gruß, Heidi

#12 RE: Freiheit von Heike 10.10.2017 12:27

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Liebe Ilona, dein Thema und deine Aussagen sind mir sehr bekannt. Ich kann da nur voll zustimmen. Die freie Wahl zu haben ist eine Verantwortung der sich jeder bewußt sein sollte. Dann kann sie auch ein Segen sein. Deine Dithy.. ist sehr gelungen so das auch der lange Text nicht stört.

LG Heike die im wackelnden ICE versucht zu schreiben.

#13 RE: Freiheit von Ostseemöwe 22.10.2017 14:16

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liebe Heike
vielen Dank für Dein Lob.
Nun habe ich mich so halb von einer eitrigen Bronchitis hochgerappelt und hoffe es geht nur noch Bergauf.

herzlich Ilona

#14 RE: Freiheit von wüstenvogel 10.12.2017 13:44

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Liebe Ilona,

du hast die Freiheit mit ihren vielen Spielarten sehr gut dargestellt.
Freiheit ist nicht immer nur befreiend.
Viele Politiker meinen, die Freiheit schützen müssen, damit sie sich ja keiner nimmt.

Mir gefällt der Spruch von Erich Fried dazu sehr gut:

"Wer sagt, hier herrscht Freiheit, der lügt. Freiheit herrscht nicht."

Damit hat er für mich das Wesen der Freiheit sehr gut ausgedrückt - so wie du auch!

Liebe Grüße

Michael

#15 RE: Freiheit von Ostseemöwe 10.12.2017 21:55

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lieber Michael
für mich ist Freiheit sehr individuell, es wird immer meine Freiheit und Deine Freiheit geben. Danke, Du siehst es sicher genau wie ich.
Darum konnte ich nur meine spezielle Sicht auf "meine Freiheit" richten.

herzlich Ilona

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