#1 Computerlyrik von Thomas 10.04.2017 08:40

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Computerlyrik

Seit alten Zeiten spricht in Zweigen
der Wind von Geistern, die vom Meer
bis in die höchsten Wolken steigen,
doch gibt es Geister längst nicht mehr.

Seit alten Zeiten summt die Wiese
im Sonnenlicht ein Liebeslied,
das sang ihr einst ein guter Riese,
der längst aus seinem Märchen schied.

Seit alten Zeiten rauscht die Quelle
der Nixe Sehnsuchtsseufzer nach;
sie saß an dieser dunklen Stelle,
als Liebesleid das Herz ihr brach.

In unsrer Zeit sind die Frequenzen
der irrealen, schönen Welt
weit jenseits der Kodierung Grenzen,
und MP3 ist was gefällt.


© Ralf Schauerhammer

#2 RE: Computerlyrik von Sanderling 10.04.2017 17:22

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Lieber Thomas,
wie reich an Bildern die Strophe 1-3 sind. Sehr schön der Klang deiner gewählten Worte. Die letzte Strophe erschließt sich mir nicht, kann das gewollt sein?
liebe Grüße,
der Sanderling

#3 RE: Computerlyrik von Thomas 10.04.2017 17:47

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Liebe Sanderling,

ich schreibe nie absichtlich dunkel.

Zur letzten Strophe als Information was in Wikipedia u.A. zu MP3 steht:

Wie die meisten verlustbehafteten Kompressionsformate für Musik nutzt das MP3-Verfahren psychoakustische Effekte der menschlichen Wahrnehmung von Tönen und Geräuschen aus. Zum Beispiel kann der Mensch zwei Töne erst ab einem gewissen Mindestunterschied der Tonhöhe voneinander unterscheiden, vor und nach sehr lauten Geräuschen kann er für kurze Zeit leisere Geräusche schlechter oder gar nicht wahrnehmen. Man braucht also nicht das Ursprungssignal exakt abzuspeichern, sondern es genügen die Signalanteile, die das menschliche Gehör auch wahrnehmen kann.

Die Aufgabe des Kodierers (Man versteht unter einem Kodierer (engl. Encoder) in der Regel den ersten Umsetzer, Konverter oder Wandler für digitale oder analoge Signale.) ist es, das originale Tonsignal nach festgelegten, an der Psychoakustik orientierten Regeln so aufzubereiten, dass es weniger Speicherplatz benötigt, aber für das menschliche Gehör noch genauso klingt wie das Original.


Meine Frage: Funktioniert das Gehör wirklich nur nach Fourier-Transformation zerlegbaren Frequenzen? Oder: ist es wirklich egal, ob man scheinbar nicht wahrnehmbares herausfiltert? Oder, anders ausgedrückt: Ist das, was du beim Klavierspielen subjektiv erfährst wirklich das gleiche, wie wenn du eine MP3-Aufnahme davon abspielst? Und schließlich, bezogen auf die ersten 3 Strophen: Ist diese Vorgehensweise auf andere Bereiche anwendbar?

Liebe Grüße
Thomas

#4 RE: Computerlyrik von 10.04.2017 20:31

Lieber Thomas,

mir gefällt diese schönen bildhaften Aussagen. Ob und wann es Geister gibt ist eine Glaubensfrage. Durch Deine Erklärung von MP3 ist interessant. Habe dazugelernt.
Habe versucht noch eine Strophe dazu zu reimen.

Seit alten Zeiten plätschern Wellen,
von Meeren Seen und den Bächen,
rollend über manche Schwellen,
wo sie vielfältig zerbrechen.

LG Hans

#5 RE: Computerlyrik von Sanderling 10.04.2017 20:52

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Lieber Thomas,
du weißt hoffentlich dass ich dir nichts dunkles unterstellen würde. Vielleicht, so dachte ich nach deiner Erklärung, habe ich es aber intuitiv auch doch verstanden? Denn den Bruch habe ich erlebt, als die letzte Zeile verklungen war. Übrigens, um auf deine Frage zu antworten. Es ist nicht das gleiche Empfinden, ob ich meine Klaviermusik spiele oder nur als mp3 höre. Das unge(er)hörte, geht dennoch tiefer. Nach einer sprachlichen Beschneidung deiner sehr schönen Strophen 1-3, nach dem Muster der mp3, habe ich keinerlei Sehnsucht.
Danke für deine Geduld und die ausführlichen Worte!
herzlich,
der Sanderling

#6 RE: Computerlyrik von wüstenvogel 11.04.2017 00:19

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Lieber Thomas,

du beschreibst, so wie ich es sehe, das Verschwinden der Wunder und der Magie aus dem Leben
zugunsten einer technisierten Welt - mir gefällt sehr gut, wie du das umgesetzt hast.

Ich musste sofort an ein Zitat von A. Einstein denken:
"Ich fürchte den Tag, an dem die Technologie unsere Menschlichkeit überholt.
Die Welt wird dann eine Generation von Idioten sein."

Hoffentlich werden wir das nie erleben!

Liebe Grüße

Michael

#7 RE: Computerlyrik von Thomas 11.04.2017 07:54

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Lieber Hans,

danke für die Strophe.

Lieber Sanderling,

das freut mich, denn ich hoffte, dass man es auch ohne die technische Erklärung gefühlsmäßig verstehen kann.

Lieber Wüstenvogel,

Danke für das schöne Einstein-Zitat, welches ich noch nicht kannte.

Liebe Grüße euch allen
Thomas

#8 RE: Computerlyrik von Heliane 11.04.2017 13:18

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Lieber Thomas,
wie gut, dass es die Musengärtner gibt, welche sich erfolgreich einsetzen, die Romantik nicht sterben zu lassen. Deine ersten drei Strophen beweisen es sehr deutlich.
Deine letzte Strophe und das Einsteinzitat sind sehr dicht an der bereits einsetzenden Zukunft, in der wir nicht mehr schreiben, nicht mehr hören und vielleicht auch nicht mehr sprechen und fühlen können - ein Alptraum!
Ich mag dein Gedicht sehr gerne!
Herzliche Grüße,
Heliane.

#9 RE: Computerlyrik von Thomas 12.04.2017 13:05

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Liebe Heliane,

vielen Dank. ich glaube nicht, dass der Alptraum wahr werden wird, obwohl es scheinbar einfacher ist, die Mensch-Maschine-Kommunikation durch angleichen des Menschen an die Fähigkeiten der Maschine zu bewerkstelligen. Der Mensch ist so "gebaut", dass es das (vielleicht kurzzeitig interessant findet, aber auf Dauer) nicht haben will. Insofern beleuchtet meine Elegie etwas als verloren, das nicht verloren gehen wird.

Liebe Grüße
Thomas

#10 RE: Computerlyrik von Heike 17.04.2017 11:34

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Ach wie schön lieber Thomas, lässt du mich in alten Zauberzeiten schweben, bis.....ach nein! Ich will nicht aufwachen.
Wunderschön dein Gedicht.
LG Heike

#11 RE: Computerlyrik von Thomas 17.04.2017 16:15

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Liebe Heike,

dann lass doch die letzte Strophe einfach weg. In der Kürze lieg sowieso die Würze.

Viele Dank und Liebe Grüße
Thomas

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