#1 Der Wandervogel von Thomas 16.01.2014 19:29

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Der Wandervogel

Wenn an sonnenleeren Tagen
meine Flügel nicht mehr tragen,
wenn der Himmel abwärts treibt,
fast der Atem stehen bleibt,
dann besinn ich mich auf meine
ungeübten Vogelbeine.

Jeder Fuß macht einen Schritt,
einer nimmt den andern mit
und ein Hüpferlein entsteht,
wenn der gleiche zweimal geht.
Schnell zwar nicht, doch schnell genug,
ist mein wackrer Hüpfeflug.

Dunkel ist es hier und kalt
auf der Erde, ach, und bald
kann ich gar kein Ziel mehr sehen.
Will der Mut mir ganz vergehen,
ei, so flattre ich geschäftig
mir den Takt und singe kräftig.



© Ralf Schauerhammer

#2 RE: Der Wandervogel von Behutsalem 17.01.2014 05:21

Guten Morgen Thomas!

"besinn ich mich auf meine ungeübten Vogelbeine..

herrliche Aussage, die man sich auch ganz dolle bebildern kann..

Dein Werk spricht mich total an.
Ich komme wieder, zumal mir viele dazu im Kopf herumschwirrt.
Zuerst jedoch ruft die Arbeit..

Wollte nur schnell bekunden, dass du einen neuen Fan hast und ich schon jetzt ein großes
Lob aussprechen möchte... alles ander , später..

Behutsame Grüße, Behutsalem

#3 RE: Der Wandervogel von Derolli 17.01.2014 08:44

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Lieber Thomas,

ich kann mich dem Lob von Behutsalem nur mit Freuden anschließen.
Deine Gedichte werden immer besser, immer tiefer und ihr Nachklang hallt in meinen Ohren und Sinnen. Erst "Der Bauer" und jetzt "Der Wandervogel", einfach eine Klasse für sich, deine nachdenklichen und doch so ehrlichen Worte.

Was mir an diesem Gedicht so besonders zusagt, ist die Art und Weise, wie sich der Wandervogel doch immer wieder neuen Mut macht, obwohl er sich völlig darüber im Klaren ist, in welch brisanter Lage er sich befindet. Daher hebe ich, obwohl dir die Einleitung auch perfekt gelungen ist, dennoch besonders diese Verse auf das Siegerpodest:

Zitat
ei, so flattre ich geschäftig
mir den Takt und singe kräftig.

Das sind an sich sehr positiv klingende Zeilen, doch die Symbiose, zwischen dem Verhalten eines verletzten Vogels der am Boden hilflos flattert um irgendwie voran zu kommen und seinem verzweifelten Zirpen (mit dem er höchstens die nächste streunende Katze auf den Plan ruft), mit der optimistischen Einstellung des Wandervogels, machen für mich den Charm des Gedichtes aus. Hier steckt eine Menge Beobachtung und perfekte Umsetzung drinnen. Super gemacht!

Liebe Grüße von einem alten Fan

Derolli

#4 RE: Der Wandervogel von Behutsalem 17.01.2014 19:59

Hallo Thomas, da bin ich wieder..

wie schon heute morgen erwähnt, mir gefällt dein Werk unheimlich gut.

Ein Vogel symbolisiert mir Freiheit.
Freiheit zu leben, sich die Freiheit zu nehmen was einen gefällt oder in dem Moment als Richtig erscheint.

Dein Werk tänzelt nur so vor sich hin und zeigt das mir, dass es wichtig ist, an das mehr das in einen steckt zu glauben,
auch wenn die Sonne gerade mal nicht so scheint wie man es für sich gerne hätte, bzw. gewollt hätte..
In dieser Situaton den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sich selber bemitleiden, sondern sich daran erinnert.. he da gibts ja noch was anderes, ein neuer Weg, eine
neue Perspekitve.. du musst sie dir nur ergreifen, sie für dich zu Nutzen machen.. das befinde ich als Stärke..
Schön auch wie du diesen Neuanfang in der zweiten Strophe durch

Zitat
Jeder Fuß macht einen Schritt,
einer nimmt den andern mit
und ein Hüpferlein entsteht,
wenn der gleiche zweimal geht.


sehr gut bebildert hast. Das ein Neuanfang zwar nicht immer leicht ist, aber dann doch immer etwas da ist das dich mitzieht, sich einhackt und sagt, komm auf gehts, irgendwann wird der Schritt auch leichter, flüssiger..

Ich kann nur noch einmal mein Lob hierlassen und dir sagen
dass ich hier sicherlich noch öfter vorbei kommen werde um diese gelungenen Zeilen zu lesen.

Behutsame Grüße, Behutsalem

#5 RE: Der Wandervogel von Thomas 18.01.2014 14:47

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Liebe Behutsalem, lieber Derolli,

vielen Dank. Das Gedicht soll (ganz unaufdringlich) ermutigen, und eure schönen Reaktionen zeigen, dass es das wohl tut. Das freut mich sehr. Alles was ihr schriebt, trifft meine Intention.

Liebe Grüße euch beiden
Thomas

#6 RE: Der Wandervogel von 20.01.2014 12:39

Lieber Thomas,
das tut es und zwar genau so, wie du es angedacht hast.
Den tiefen Sinn hast Du unglaublich einfühlsam in zarte Federn gebettet. Sehr schön gemacht, KOmpliment.

Allerdings hast Du was verschlimmändert. Vorher stand da: wenn der Himmel abwärts treibt....
diese Formulierung war nämlich mein Sahnehäubchen.
Ich hatte es schon gelesen, zum Kommentieren kam ich nicht mehr, da wir einen fast 30stündigen Netzausfall hatten.

In Z1: Wenn an sonnenleeren Tagen....?

LG von Lailany

#7 RE: Der Wandervogel von Thomas 20.01.2014 14:54

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Liebe Lailany,

vielen Dank für das "an".

Du hast recht, aber ich habe mit den beiden Zeilen ein Problem. Zwaf finde ich

wenn der Himmel abwärts treibt,
Mut und Atem stehen bleibt,

auch schöner, aber die Grammatik will eigentlich "Mut und Atem stehen bleiben", deshalb die Änderung in

wenn der Himmel abwärts treiben,
Mut und Atem stehen bleiben,

Man könnte den Singular retten, indem man z.B. sagt:

wenn der Himmel abwärts treibt,
Mut wie Atem stehen bleibt,

Aber ist das besser? Oder soll ich Grammatik Grammatik sein lassen? Ich bin unschlüssig.

Liebe Grüße
Thomas

#8 RE: Der Wandervogel von Behutsalem 20.01.2014 16:34

Hallo Thomas!

Wenn ich mich mit einklicken darf.

Dein " wie " find ich gut, das " an " gab mir beim Lesen aber die Stimmung hin zu den sonnenleeren Tagen,
wobei mir aber gerade eben folgendes aufgefallen ist..

wenn der Himmel abwärts treiben,
Mut und Atem stehen bleiben,

müsste hier nicht " treibt " stehen
und schlussfolglich dann " bleibt "

wenn der Himmel abwärts treiben... Treiben bezieht sich auf die Mehrzahl, du hast aber nur einen Himmel...

demzufolge könnte das an in V1 bleiben, und
V3+4 in Einzahl setzen .. und das Problem wäre gelöst..

Da in den folgenen Strophen die Metrik auch nicht gleichbleibend ist,
so wäre dies so meine ich gerechtfertigt.

Wenn an sonnenleeren Tagen
meine Flügel nicht mehr tragen,
wenn der Himmel abwärts treibt,
Mut und Atem stehen bleibt,
dann besinn ich mich auf meine
ungeübten Vogelbeine.

Mir gefällts immer noch, je öfter ich es lese um so mehr

Behutsame Grüße, Behutsalem

#9 RE: Der Wandervogel von 21.01.2014 01:51

Lieber Thomas und

liebe Behutsalem, Dein Vorschlag deckt sich wortgetreu mit Thomas' Orignialfassung, die ich gelesen hatte, bevor mein Netz sich verabschiedete.
Ich erinnere mich deshalb genau daran, weil, wie schon erwähnt, die Stelle mit dem Himmel mein persönliches Highlight war,
aber auch deswegen, weil ich 'Mut und Atem stehen bleibt' bemängeln wollte.

wenn der Himmel abwärts treiben... geht auf keinen Fall (auch nicht 'die Himmel).
'Mut und Atem stehen bleibt' sähe ich als das kleinere Übel und man könnte es 'grammatikalische Schummelei' nennen.
So, wie ich Dich einschätze, lieber Thomas, wirst Du Dich damit nicht begnügen wollen, solange nicht alle Alternativen ausgecheckt sind.
Mut, wie Atem stehen bleibt.... ist korrekt, sprachlich halt nicht ganz so schön.

Eine weitere Möglichkeit wäre, den Mut an dieser Stelle völlig wegzulassen...denn
1... ist der Mut unverkennbar der Sinn und rote Faden des ganzen Textes und
2... zusätzlich beim Namen genannt, in S3 Z4: will der Mut mir ganz vergehen.
Das Wörtchen ganz spannt einen losen, aber ausreichend effizienten Bogen in das Vorher.

Meine Lösung sähe so aus:
wenn der Himmel abwärts treibt,
mir der Atem stehen bleibt....

LG von Lailany

PS: Einen weiteren Einwand, warum 'Mut' aus dieser Zeile verschwinden sollte, begründe ich mit der Frage zur Logik der Aussage. Atem kann stehen bleiben.
Mut? Kann man verlieren, finden, aufbringen...
was soll man sich unter stehen gebliebenem Mut vorstellen?

#10 RE: Der Wandervogel von Heliane 21.01.2014 08:03

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Lieber Thomas,

oh, wie gerne habe ich deine Verse gelesen! Deine reich bebilderte Aussage, den Mut nicht zu verlieren, sich Problemen zu stellen und sich nicht in ein Mauseloch zu verkriechen, entspricht genau meiner Überzeugung und Lebensweise .

Warum die Himmel nicht passen soll, verstehe ich nicht - "Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre .....".
Anders beim Mut in S1 V4: Den könntest du gut durch 'Kraft' ersetzen, damit wäre auch die Doppelung mit S3 V4 weg.

Sehr gerne gelesen!
Herzliche Grüße,
Medusa.

#11 RE: Der Wandervogel von Thomas 21.01.2014 09:11

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Ihr lieben Musengärtner Behutsalem, Derolli, Lailany und Medusa,

vielen Dank für die fruchtbare Diskussion. Sie zeigt, wie vorsichtig man mit der dichterischen Freiheit bezüglich der Grammatik sein muss. Ich denke, "freie" Abweichungen von Grammatik, Schreibweise und Metrum sind nur dann möglich, wenn sie poetisch begründet sind, d.h. sie sind im Grunde gar keinen Freiheiten.

Im konkreten Fall war meine erste Idee:
wenn der Himmel abwärts treibt,
Mut und Atem stehen bleibt,

Genau wie Lailany gefällt mir die erste Zeile davon sehr gut. Aber dann wurde mir das Problem mit "treibt" bewusst. Genau wie Medusa hatte ich eigentlich kein Problem mit "Himmel" im Plural, aber gerade ihr Beispiel zeigt mir, warum es in diesem Gedicht nicht geht. Zur einfachen Sprachebene dieses "Vogels" passt der Plural nicht, da im Plural kaum merklich theologische Gedanken und Vorstellungen anklingen.

Also Himmel im Singular. Daraus folgt: treibt statt treiben. Mein Vorschlag "Mut wie Atem stehen bleibt" hat das gleiche Problem des gehobenen Sprachniveaus und klingt ohnehin etwas verkrampf und dem Reim geschuldet.

Es bleibt also nichts anderes, der Mut muss aus dieser Zeile verschwinden, und Lailanys Begründung, warum das gut geht, stimmt. Ihren Vorschlag einfach zu sagen "mir der Atem stehen bleibt" werde ich im Prinzip übernehmen. Nur werde ich sagen "fast der Atem stehen bleibt", weil dadurch die erste Silbe etwas mehr Ton bekommt und die Gefahr des Erstickens gar nicht erst aufkommt.

Ich werde also schreiben:
wenn der Himmel abwärts treibt,
fast der Atem stehen bleibt,

Nochmals vielen Dank und liebe Grüße
Thomas

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