#1 Multi Kulti von Günter 20.10.2016 14:49

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Quis hatte sich ein Haus gebaut und seine Frau Quomodo darum einen schönen Garten angelegt. Es heißt, das erste Haus baut man für deinen Feind, das zweite für seinen Freund und erst das dritte für sich selbst. Gemäß diesem Spruch waren sie nicht verfahren, doch hatte er aus dem Haus seiner Eltern und den Häusern, die sich Freunde gebaut hatten, viel gelernt und darum wichtige Fehler vermieden. Seine Frau Quomodo verfügte über einen guten Geschmack und gestalterisches Talent und somit war das Haus im Innern wie auch der Garten im Äußeren sehr ansprechend gelungen. Da beide ein Faible für den Biedermeier hatten, war alles stilgerecht und absolut dieser Epoche nachempfunden. Nachdem alles fertig war, luden sie Onkel Kur, der von Beruf Kunstkritiker war, zu sich ein. Er kam volle Neugier und lobte alles in höchsten Tönen. Ein schöneres Haus, gab er zu, hätte er noch nicht gesehen und der Garten wäre ihm die größte Freude.
Kurze Zeit später luden sie alle Nachbarn ein, da sie auf gute Kontakte viel Wert legten. Einige Nachbarn waren allerdings mit der Gestaltung nicht zufrieden. Bei jedem Besuch stichelten sie, dass alles zu altbacken wäre und ein kleiner Hauch von Moderne dem gut tun würde. Eine Weile konterte Quomodo geschickt kontern, doch irgendwann ab sie auf.
Einige Besuche später wurden die Nachbarn immer dreister und kamen auf die Idee, dem Haus etwas Vielfalt zu verleihen. Sie brachten zu jedem Anlass Geschenke mit, die zwar teils nicht unansehnlich waren, nur eben überhaupt nicht zum Biedermeier passten. Besonders taten sich dabei die Ehepaare Quibus und Auxiliis hervor. Zuerst waren es Bilder und später auch Pflanzen und andere Dekorationsgegenstände. Quis und Quomodo waren dem bald nicht mehr gewachsen und sie konnten, Dank ihrer Gutmütigkeit dem nichts mehr entgegensetzen. So verwandelte sich ihr Haus in ein wildes Durcheinander. Was sie dabei am meisten ärgerte, waren Dinge, denen man nicht ansehen konnte, was sie darstellten und obendrein für sie noch hässlich waren.
Einige der geschenkten Pflanzen hatten sich stark ausgebreitet und das schöne Ensemble der ursprünglich, mit viel Liebe und Fleiß gesetzten Blumen und Sträucher verdrängt.
Als sie eines Tages wieder einmal Besuch von Onkel Kur bekommen sollten, zögerten sie, ihm zuzusagen. Ihre Befürchtungen bestätigten sich. Onkel Kur begab sich sogleich auf Inspektionstour, da er sehen wollte, ob Quis und Quomodo ihrem Stil treu geblieben waren und ob er sich noch so wie anfangs wohl fühlen konnte. Sein Urteil war offen und niederschmetternd. Er gab zu, dass er nun nichts Hässlicheres im Vergleich kennen würde. Auf die Frage, warum sie Haus und Garten so verschandelt hätten, verwiesen sie auf den Nachbarschaftsfrieden.
Der Onkel wollte darauf wissen, ob das denn wenigstens den Nachbarn gefallen würde? Beide gaben zu, dass dem nicht so war und auch dass sich das Nachbarschaftsverhältnis deutlich eingetrübt hatte.
„Sie fühlen sich bei uns nicht mehr wohl. „Vielleicht sind wir auf ihre Wünsche zu wenig eingegangen?“, meine Quis und Quomodo fügte hinzu: „Sie lachen und spotten über uns.“

#2 RE: Multi Kulti von Heliane 20.10.2016 15:12

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Lieber Günter,
das ist ja fast ein Gleichnis!
Mir gings ähnlich. Ich liebe die schnörkellose Bauhaus-Innenarchitektur und hatte mich nach meinem letzten Umzug mit Kleinig- und "Großig"keiten aus dieser Zeit umgeben und, wenn du so willst, ein Gesamtkunstwerk geschaffen, in dem ich mich sehr wohl fühlte. Meine Besucher empfanden meine Umgebung als kalt, zu farblos, zu eckig und schleppten mir, wie deinem Pärchen, Schnörkelzeugs an, das ich zunächst im Keller verstaute und später entsorgte.
Inzwischen habe ich ein paar Farbtupfer gesetzt, ein paar Antiquitäten aufgestellt und fühle mich wohl - meine Besucher auch .
Ich glaube allerdings, dass du etwas ganz anderes beschreibst und bin gespannt auf die Kommentare.
Gerne gelesen .
Herzliche Grüße,
Heliane.

#3 RE: Multi Kulti von Günter 20.10.2016 16:13

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Hallo,liebe Heliane,
erst mal lieben Dank fürs Reinschauen und den Kommentar.
In der Tat beabsichtigte ich alle Allegorie zu schreiben. Ich kenne zwar Leute, die wie bei Dir, gern bei anderen alles umgestalten wollen und auch jene, die für alles einen guten Rat haben, außer für sich selber. Nein diese Leute wollte ich nur ganz nebenbei ansprechen. Es ging mir um ein Nachdenken. Man sollte sich und seinem Stil treu bleiben und nicht alles was anders ist, für gut oder gar besser halten, nur weil es eine Mehrheit einreden will.
Wie es bei solchen Geschichten üblich sein sollte, lassen sich auch andere Aspekte darauf finden.
Herzlichst Günter

#4 RE: Multi Kulti von Carlino 20.10.2016 16:48

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Lieber Günter,

diese Allegorie ist Dir gelungen, sie macht auf jeden Fall nachdenklich! Stil, im weiteren Sinne Lebensweise, hat ja mit Identität zu tun. Um diese nicht zu verlieren, bzw. um eine auszubilden bedarf es einerseits des Bewahrens, andererseits der Erneuerung. Die Kunst besteht darin, Neues zu integrieren ohne das Alte völlig abzulegen! Auf diese Weise kann etwas wirklich Gutes neu entstehen, das setzt aber voraus, dass man daran arbeitet und darüber nachdenkt!

Ich jedenfalls habe anhand Deiner Geschichte gerne darüber nachgedacht!

Liebe Grüße
Karlheinz

#5 RE: Multi Kulti von Günter 20.10.2016 19:16

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Lieber Karlheiz,

danke für Dein Lob. Es ist immer ein schwieriger Akt, das Optimum zwischen Bewährtem und Neuem zu entscheiden. Mir erscheint es so, dass heute alles auf das Neue fokussiert ist. Dem entgegen steht der Spruch: Wechsele nie ein funktionierendes System! Am PC habe ich die Erfahrung gemacht, das beste Programm ist nicht das, was am weitesten entwickelt ist, sondern das, was der Nutzer am besten beherrscht. Wie leicht werden wir sonst von der Technik beherrscht. Wie Du richtig sagst, ist der Erhalt der eigenen Identität ein Kernproblem!

Herzlichst Günter

#6 RE: Multi Kulti von Ostseemöwe 21.10.2016 11:16

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lieber Günter
zu erst einmal ein großes Lob auf Deine Findigkeit. Du triffst ins Schwarze ohne Dir die Finger zu verbrennen.
Und Deine Geschichte ist sehr streitbar für beide Seiten.
Auch diese Streitbarkeit mag ich.
Da ich nicht entscheiden kann, "was ist hier Kunst und was kann weg" sollte sich das Pärchen entscheiden, was wollen sie selbst.
Der eine sagt Dalis Kunst kann weg, der andere gibt für ein Bild sein Vermögen hin.
Die Menschheit ist nun mal sehr verschieden.
Hier lese ich aber auch, der Verfasser des Textes möchte die Frage stellen: geht Multi Kulti?
Ich für meinen Teil denke, ja es geht wunderbar. In Mitten von Berlin gibt es ein kleines Viertel. Leider habe ich den Namen vergessen. So eine Künstlersraße mit kleinen Gassen. Dort toben sich alle möglichen Leute aus. Man kann dort im Hinterhof Kaffee trinken. Graffitti und Barocke Elemente geben sich die Hand mit Gruselkabinet und kleinen Ökoläden. Mir hat die Stimmung dort gefallen. Nicht das mir jedes Kunstwerk dort gefällt, manches war in meinen Auge wirklich schrecklich. Aber, ich war gefangen von der Toleranz auf so engem Raum. "Multi Kulti" ist eine Lebenseinstellung. Es muss nicht das Chaos bedeuten, ein friedvolles miteinander, ein Lernen, ein Geben und Nehmen, was wollen wir mehr?
Ein anderes Beispiel: in einer Gemeinschaftsunterkunft für Minderjährige sind 17 Jugendliche aus 6 verschiedenen Heimatländern. Diese Gemeinschaftsunterkunft steht in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer Einrichtung für Behinderte. Ich habe dort ein Küche und eine Fahrradwerkstatt aufgebaut. Zu gerne bin ich dort, denn die Behindertengruppe (Geistigbehinderte und Mehrfachbehinderte) haben keine Ängste und sie gehen alle zusammen so liebevoll mit einander um, ein Beispiel für viele von uns.

Ps. ein kleiner Fehler: Eine Weile konterte Quomodo geschickt, doch irgendwann ab sie auf

Liebe Grüße Ilona

#7 RE: Multi Kulti von Günter 21.10.2016 12:57

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Liebe Ilona,
mich freut es sehr, dass Du den Kiel entdeckt hast, der im Schlamm rührt.
Wie es im heutigen Sprachgebrauch üblich ist, hast Du die Begriffe Kunst und Kultur vermischt. Kunst ist nur ein kleiner und relativ unbedeutender Teil der Kultur. Kultur ist im Wesentlichen die Art das Zusammenlebens. Es sind die Regeln, die Moral und die Akzeptanz beider. Dort wo sich jeder an diese Wert hält, mag das Leben gut gedeihen. Dort aber wo jeder seine eigenen Regeln macht und diese auch noch als verbindlich erklärt, gibt es Probleme. Nach dem Motto, was ich gut finde, das ist auch gut, soll diese Geschichte zeigen, dass dem nicht so ist.
Was ist hingegen Kunst und welche Aufgabe sollte sie haben, bzw. welche Dienst erbringt sie tatsächlich? Das wäre ein gesondertes Thema.
Ich gebe Dir Recht, wenn verschiedenartige Kunst das Leben bereichern kann. Das kann Musik, Theater usw. aber auch die Kochkunst sein. Darum geht es hier nicht!
Sollte mein Text die gewünschten Denkanregungen geben, dann wäre er in meinem Sinne Kunst.
Herzlichen Dank für Deine interessanten Ausführungen!
Herzlichst Günter

#8 RE: Multi Kulti von Heike 21.10.2016 14:31

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Lieber Günter, meistens sind es Menschen die anderen alles recht machen wollen, weil sie sonst befürchten nicht mehr geliebt oder beachtet zu werden. Es gehört viel Selbstvertrauen und Mut dazu, sich Mehrheiten entgegenzustellen oder zu Widersprechen, aber nur so kann man sich seinem Individualismus bewahren. Du hast das gut dargestellt.
LG Heike

#9 RE: Multi Kulti von Günter 21.10.2016 15:07

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Liebe Heike,
danke fürs Reinschauen und Deine Meinung. Was Du hier ansprichst, ist ein weiterer Aspekt, der durchaus einige Bedeutung hat. Und auch wer nicht bereits ist zu widersprechen, gibt sich auf. Das hast Du gut herausgestellt. Ich kenne viele Fälle von Menschen, die einfach nur gut sein wollte. Sie habe allesamt nur Geringschätzung bis Verachtung geerntet. Das fängt bereits bei der Kindererziehung an.
Herzlichst Günter

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