#1 Auf den Hund gekommen von Thomas 02.08.2016 19:30

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Auf den Hund gekommen

"Er schlägt uns völlig aus der Art,"
beklagte sich die Mutter:
"Er strebt nach geistigem Besitz
und nicht nach Hundefutter!"
Der Vater kläffte dann und wann
und konnte wenig machen;
der Welpe mopste sich zum Mann
und packte seine Sachen.

Es trieb der Wissensdurst ihn an,
er fand in Theorie,
wie man die Welt verbessern kann.
In Praxis leider nie!
Drum ließ er das Studieren sein,
er hatte klar erkannt:
Veränderung der Welt allein
hat bleibenden Bestand.

Man denke nur, wie selbstlos er
für allgemeines Recht
bald jeder hündischen Partei
wird liefern ein Gefecht;
wie er bald allergrößte Tiere
geschickt und klug bezwingt
und in geheiligste Reviere
zum Wohle aller dringt.

Man sieht schon schier wie Mopsefell
und kurze Mopsezähne
sich wandeln in ein Löwenmaul
und würdevolle Mähne.

Doch leider, lieber Leser, leider
ging die Geschichte anders weiter.
Im trauten Hundehüttenheim,
da lebt der Mops seit Jahren
mit Mopsefrau und Mopsekind
und immer weniger Haaren;
mit schlaffem Ohr und feuchtem Aug,
der Bauch ist kugelrund.

Auch er – die Mutter hatte Recht –
ist nur ein armer Hund.
Er kläfft, wenn er die Zeitung liest,
beim Kaffee dann und wann:
"Erwachsen ist man, wenn man sieht,
dass man nichts ändern kann."






Alte Version

Auf den Hund gekommen

"Er schlägt uns völlig aus der Art,"
beklagte sich die Mutter:
"Er strebt nach geistigem Besitz
und nicht nach Hundefutter!"
Der Vater kläffte dann und wann
und konnte wenig machen;
der Welpe mopste sich zum Mann
und packte seine Sachen.

Sein Wissenshunger führte ihn
zur Universität,
wo altes Professorenvieh
Gedankenwürste dreht.
Die Würste wurden ihm serviert
in feinster Schweinehaut,
die Lehrstoffüllung war püriert
und viermal vorgekaut.

Man sagte ihm, in diesem Fraß
erschöpfe sich Studieren
und schließlich müsse er den Stoff
verlustfrei repetieren.
Der Mops verschmähte solche Kost.
er suchte eignes Essen;
nur harte Knochen waren ihm
ein gefundnes Fressen.

"Es scheint, er schlägt ganz aus der Art,"
erklärte der Dozent,
"der dünnste Lehrstoff ist ihm fremd,
den wahrlich jeder kennt!"
Der Mops ließ gern das Studium sein,
er hatte klar erkannt:
Veränderung der Welt allein
hat bleibenden Bestand.
Man denke nur, wie selbstlos er
für allgemeines Recht
bald jeder hündischen Partei
wird liefern ein Gefecht;
wie er bald allergrößte Tiere
geschickt und klug bezwingt
und in geheiligste Reviere
zum Wohle aller dringt.

Man sieht schon schier wie Mopsefell
und kurze Mopsezähne
sich wandeln in ein Löwenmaul
und würdevolle Mähne.

Doch leider, lieber Leser, leider
ging die Geschichte anders weiter.
Der kleine und gemeine Mist
zieht bleischwer abwärts. Wie ihr wisst,
wird hoffnungsvoller Jugendschwung
zu oft, zu schnell Erinnerung.

Im trauten Hundehüttenheim,
da lebt der Mops seit Jahren
mit Mopsefrau und Mopsekind
und immer weniger Haaren;
mit schlaffem Ohr und feuchtem Aug,
der Bauch ist kugelrund.
Auch er – die Mutter hatte Recht –
ist nur ein armer Hund.

Er kläfft, wenn er die Zeitung liest,
beim Kaffee dann und wann:
"Erwachsen ist man, wenn man sieht,
dass man nichts ändern kann."



© Ralf Schauerhammer



P.S.: Gerade bin ich wieder über dieses alte Gedicht von mir gestolpert und möchte es euch vorstellen.

#2 RE: Auf den Hund gekommen von 03.08.2016 09:22

Lieber Thomas,

Ein Lebenslauf, der sich zu Anfang als sehr vielversprechend erweist, gerade auch weil er sich eigenwillig entwickelt ist sehr hoffnungsvoll. Der Mensch befriedigt sich durch sein Wirken mit welchen er Erfolge erzielt und es dabei besser weiß als andere, was ihm dann auch eine Siegerfreude gibt. Es ist ein freudiges Erfolgserleben, welches auch eine Sinngebung ist. Mit zunehmendem Alter lässt jedoch die Kraft nach und trotz aller Erfolge wird bemerkt, dass nicht alles nach Wunsch verändert werden konnte. Nach dieser Einsicht und der zunehmenden Schwäche kommt die Erkenntnis der eigenen nun schwach gewordenen Stellung in der Gesellschaft. Beim Bedenken dieses Endes kommt Unzufriedenheit auf, was sich dann nicht selten in Unfreundlichkeiten zeigt. Die Aussage gefällt mir sehr gut, besonders auch weil sie mit einem Hundeleben verglichen wird.

LG Hans

#3 RE: Auf den Hund gekommen von Klatschmohn 03.08.2016 10:02

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Lieber Thomas,
eine sehr originelle Idee, das Menschenleben mit dem eines Hundes zu vergleichen.
Sehr schön hast Du die Sturm,- und Drangzeit beschrieben, den Aufbruch zu Neuem und wie die Gewohnheit des Lebens dann alles wandelt. Ein gutes Beidpiel dafür sind die 68ziger, die sich schließlich angepasst und ihren Platz in der Gesellschaft gefunden haben.
Ich finde aber, dass ein wenig Kürzung dem Gedicht gut täte, damit alles noch spritziger rüber kommt.
Liebe Grüße,
Heidi

#4 RE: Auf den Hund gekommen von Heliane 03.08.2016 15:00

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Lieber Thomas,
ich kann der lieben Hedi nur beipflichten: Etwas lang geraten. Solltest du kürzen wollen, dann hättest du Platz, der Jugend, dem Sturm und Drang vielleicht etwas mehr Beachtung schenken.
Die Idee ist lustig und hübsch formuliert haste sie auch. In ein paar Versen hüppelt das Metrum .
Herzliche Grüße,
Heliane.

#5 RE: Auf den Hund gekommen von Thomas 03.08.2016 16:05

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Liebe Heidi, Heliane und lieber Hans,

vielen Dank für eure Lesen und Kommentieren. Ich habe das alte Ding, welches in der Tat eine wohlwollende Kritik an den 68ern ist, gekürzt und etwas gekämmt. Die etwas auseinanderfallende Form am Ende finde ich recht passend. Hoffentlich ist es jetzt ok.

Liebe Grüße
Thomas

#6 RE: Auf den Hund gekommen von Heike 03.08.2016 18:58

Lieber Thomas,
ich mußte schmunzeln. Das kommt einen sehr bekannt vor, wenn die Kinderlein (auch ich) sagen, sie wollen alles anders machen wie die Eltern. Mir kamen sofort die rebellischen 68er in den Sinn. (Na die Turnschuhe sind dem Joschka ja noch geblieben).
LG Heike

#7 RE: Auf den Hund gekommen von Thomas 03.08.2016 21:15

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Liebe Heike,

ja, zum Maßanzug. Aber im Grunde waren es ja oft (nicht immer) die ernsthaftesten, deswegen ist das alte lustige Gedicht auch ein wenig traurig.

Liebe Grüße
Thomas

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