#1 Moritat von Walter W. . von Carlino 06.06.2016 00:13

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Moritat von Walter W.

Ich hab Bock auf ein Bier und das geb ich mir
in der Kneipe bei uns am Eck,
ohne Scheu, ohne Reu und ich sage Dir,
es bleibt nicht nur bei einem Bier,
mir doch egal, ob ich verreck!

So sprach der Walter W. - oh Mann,
der soeben den Job verlor,
der tut - was ein Mann so tut ab und an -
dem die Scheiße steht bis ans Ohr.

Oh Walter, Du Alter, Du kommst uns grad recht
in der Kneipe bei uns am Eck!
Wir sind schon da, uns gehts schon schlecht,
für uns bist du ein toller Hecht,
wir kriegen vor dir keinen Schreck!

Vor dir, dem Walter W. - oh Mann,
der soeben den Job verlor,
der tut - was ein Mann so tut ab und an -
und die Marlboro steckt hinters Ohr.

Zuhaus sitzt Frau W., die schaut grau und flennt!
Es hocken vor ihr vier Gören.
Die sitzen am Herd, wo das Feuer blau brennt,
sie heulen, sie wimmern, sie röhren:
wer soll bloß ihr Jammern je hören?

Sie schreien nach Walter, dem Vater, - oh Mann,
der soeben den Job verlor,
der tut - was ein Mann so tut ab und an:
Grad strafft er das Seil hinterm Ohr!

#2 RE: Moritat von Walter W. von Klatschmohn 06.06.2016 07:59

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Lieber Carlino,

sicher kein Einzelschiscksal, dass Du uns hier beschreibst. Wenn ich hier bei dem Gedicht eher an die 30ziger Jahre denke, auch wegen dem Feuer an dem Frau und Kinder sitzen und wegen dem heute vielleicht anderen Verhalten von betroffenen Frauen, hat sich grundlegend oft wenig geändert. Seinen Job verlieren bedeutet für Männer oftmals seinen Lebensinn verlieren.
Schon ganz schön schaurig.
Hattest Du in dem Rhytmus Deines Gedichtes ein bestimmtes Gedicht von Brecht im Kopf? Das würd ich noch gerne wissen.

Liebe Grüße, Heidi

#3 RE: Moritat von Walter W. von Carlino 06.06.2016 09:07

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Liebe Heidi,

ja, Du hast recht, das kommt zunächst etwas antiquiert daher, andererseits ist es recht zeitlos, bzw. immer wieder aktuell!
Bei männlichen Alleinverdienern löst so etwas eher Selbstmord aus, da Männer sich oft in ihrer Ehre gekränkt fühlen, wenn sie die Familie nicht oder nicht mehr ernähren können. Frauen fühlen da anders und denken in erster Linie an die Kinder.
Der Rhythmus lehnt sich übrigens an den Rhythmus der Ballade der Hanna Cash von Brecht an.

Vielen Dank für Deinen Kommentar und viele Grüße aus Samothraki
Karlheinz

#4 RE: Moritat von Walter W. von Klatschmohn 06.06.2016 09:10

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Lieber Carlino,

vielen Dank für Deine Info bezüglich des Bezuges von Hanna Chash.

Gruß an die Insel,
Heidi

#5 RE: Moritat von Walter W. von 06.06.2016 09:29

Lieber Karlheinz,

ein bewegendes Schicksal, das leider allzu oft zutrifft. Der Verlust der Arbeit kommt oft auch einer gesellschaftlichen Ausgrenzung gleich, wobei die ganze Familie einen sozialen Abstieg miterlebt, der sich auch auf die nachfolgenden Generationen auswirken kann. Oft wird auch von einem Recht auf Arbeit gesprochen. Demnach wäre es wichtig, dass Entlassungen nur dann erfolgen dürften, wenn es eine Folgebeschäftigung an anderer Stelle gibt, wofür vom Staat gesorgt werden sollte. Auch die Schicksale der Arbeitslosen spalten die Gesellschaft, stören die Gemeinschaften, Kultur und Soziale Bindungen sowie auch die geistige und körperliche Gesundheit. Mit dieser wichtigen und wertvollen Aussage hast Du die Aufgabe gut gelöst.

LG Hans

#6 RE: Moritat von Walter W. von Thomas 06.06.2016 12:01

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Lieber Carlino,

dwinw Ballade gefaellt mir sehr gut. Besonders gut find ich, dass bis in die letzt Strophe das Ende noch offen ist. Das "leicht Antiquierte" kommt sicher von der Vorlage, an die du dich anlehnst, aber das ist aj durchaus im Sinn der gestellten Aufgabe.

Lieb Gruesse
Thomas

#7 RE: Moritat von Walter W. von Carlino 06.06.2016 17:41

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Lieber Hans, lieber Thomas,

vielen Dank für Eure Kommentare und Eure lobenden Worte, die mich sehr freuen!

Karlheinz von der Insel, die aufgrund ihrer Naturschönheiten für den oberflächlichen Betrachter und Besucher als Paradies auf Erden erscheinen muss

#8 RE: Moritat von Walter W. von Heliane 07.06.2016 13:36

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Lieber Karlheinz,
nicht ganz bei der "Hanna", dafür dichter an deinem Thema. Eine total gut gelungene Moritat, die auch ohne Hanna einen eindringlichen Rhythmus und tolle Reime hat und mir am Ende eine Gänsehaut einbrachte. Brecht würde sich über deine Variante sehr freuen .
Ich freue mich übrigens auch!
Herzliche Grüße,
Heliane.

#9 RE: Moritat von Walter W. von Uller Rich 07.06.2016 16:09

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Lieber Karlheinz,
was Du hier inhaltlich rüber bringst, überzeugt mich total. Leider kenne ich die "Hanna" (noch) nicht, sonst fiele mir die Metrik vielleicht leichter?
Ich habe den Rhythmus noch nicht ganz gefunden. Sicher würde sich der Text für ein Lied eignen? (Man könnte ihn auch ohne Musik sprechen).
Mit Zustimmung gelesen!
LG Ulrich

#10 RE: Moritat von Walter W. von Carlino 08.06.2016 17:17

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Liebe Heliane, lieber Ulrich,
Euch beiden herzlichen Dank für Eure Kommentare und Euer Lob, das mich sehr erfreut!

Die Ballade von der Hanna Cash hat mich schon als Schüler beeindruckt und noch mehr als der Inhalt hat mich der Rhythmus dieses Gedichts beeindruckt.
Übrigens wurde es schon vertont, ich kann mich allerdings nicht erinnern von wem!

Liebe Grüße von der Insel des Äolos
Karlheinz

#11 RE: Moritat von Walter W. von Heliane 08.06.2016 17:23

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Hannes Wader ?

#12 RE: Moritat von Walter W. von Carlino 08.06.2016 17:44

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Ja, der hat's auch gesungen, davor Ernst Busch!

Karlheinz

#13 RE: Moritat von Walter W. von Ostseemöwe 16.06.2016 15:31

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lieber Karlheinz
ich bin begeistert von Deinem Moritat
nicht nur als Brechtliebhaberin. Es ist Dir wunderbar gelungen Gänsehaut und Betroffenheit zu produzieren.

herzlich Ilona

#14 RE: Moritat von Walter W. von Carlino 17.06.2016 16:51

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Liebe Ilona,

dass Du meine Moritat rundum für gelungen hälst, freut und ehrt mich sehr! Danke!

Herzliche Grüße aus Samothraki, wo die Sonne lacht
Karlheinz

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