#1 Erwartung. von Heliane 26.05.2016 17:31

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Erwartung

Wenn ich ständig auf den Augenblick
höchsten Glücks,
größter Zufriedenheit,
und tiefster Erfüllung
warte,
laufe ich Gefahr,
die kleinen, schönen Dinge des Lebens
zu verpassen.

#2 RE: Erwartung. von Thomas 26.05.2016 21:27

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Liebe Medusa,

ich freue mich, dass du dich in diesem Bereich zu tummeln beginnst, der auch mir relativ neu und fremd ist. Ich bin deshalb nicht berufen Ratschläge zu erteilen, aber ich würde es noch kürzer schreiben und vielleicht mit einer typisch schrägen Überschrift, z.B. so:

Verwartung

Ich warten
auf den Augenblick
höchsten Glücks,
größter Zufriedenheit,
tiefster Erfüllung…

und verpasse
die schönen
Dinge des Lebens.

Nur so zum Spaß, ich denke man muss einfach etwas rumspielen. Hoffentlich trete ich damit niemandem auf die Füße oder gelte als unernsthaft - was ich ja bin.

Liebe Grüße
Thomas

P.S.: Vielleicht sollte aber noch etwas von einem Lämmchen oder Adler vorkommen.

#3 RE: Erwartung. von Uller Rich 27.05.2016 09:46

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Liebe Medusa,
ich muss gestehen, dass mich die Version von Thomas handwerklich mehr anspricht, wenngleich dabei auch mehr deutlich wird, dass die Thematik schon recht abgegriffen ist. Das Wortspiel "Verwartung" ist durchaus überlegenswert.
Ich Deiner Version sehe ich mehr eine konfuzianische Lebensweisheit als ein Gedicht.
Die Gefahr, die schönen Dinge zu verpassen sehe ich allerdings als eine Gewissheit.
Es hat mein Denken angeregt!
LG Ulrich

#4 RE: Erwartung. von Heliane 27.05.2016 10:11

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Lieber Thomas,
von „tummeln“ kann gar keine Rede sein, freie Lyrik wird für mich immer ein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Denn ich mag die
Untereinanderreihung von Wörtern oder Satzfetzen überhaupt nicht, weil sie meist ohne jeden Sinn geschieht.
Noch kürzer? Nee, das krieg ich nicht fertig, es ist doch jetzt bereits mini! Deine Version hat was, das kann ich nicht leugnen,
ist aber für mich nicht machbar .
Lämmchen und Adler? He, mach dich nicht lustig .
Herzliche Grüße,
Heliane.


Lieber Ulrich,
für mich ist es auch kein „Gedicht“, daran stelle ich nämlich viel höhere Ansprüche. Es ist lediglich ein Versuch, mal Ungereimtes zu schreiben.
Dass mir dafür das Talent fehlt, ist offensichtlich. Und warum soll ich keine Lebensweisheit von mir geben? Lesen wir sie nicht täglich und manchmal
sogar viel dümmere ?
Herzlichen Dank fürs Nachdenken und viele liebe Grüße,
Heliane.

#5 RE: Erwartung. von Ostseemöwe 27.05.2016 10:40

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liebe Heliane

ein richtig gelungener Versuch der freien Lyrik.
Natürlich können Weisheiten auch in eine Gedichtform gebracht werden. Was sollte dagegen sprechen. Deine Weisheit kommt in unauffälliger Weise ohne erhobenen Zeigefinger daher. Das gefällt mir.
Die Zeilensetzug ist Dir gelungen, denn jede Zeile hat eine eigenständige Aussage.
Allein das Wort "Dinge" in der vorletzten Zeile ist für mich so ein Alltagswort und hat nichts lyrisches. Ich hätte es gerne ersetzt.
Etwa so.
die kleinen Wunder des Lebens
....

herzlich Ilona

#6 RE: Erwartung. von Heliane 27.05.2016 11:47

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Liebe Ilona,

dein dickes Lob freut mich ganz besonders, danke! Denn du hast viel, viel mehr Ahnung von freier Lyrik als ich. Dass die Zeilensprünge gelungen sind, ist Zufall, wie du dir sicher denken kannst .
Mit den „kleinen Dingen“ bin ich nicht alleine. Ich habe mal nachgesucht und einige interessante Sprüche gefunden:
Mutter Teresa: In diesem Leben können wir keine großen Dinge tun. Wir können nur kleine Dinge mit großer Liebe tun.
Khalil Gibran: Denn im Tau kleiner Dinge findet das Herz seinen Morgen und wird erfrischt.
van Gogh: Das Große kommt nicht allein durch Impuls zustande, sondern ist eine Aneinanderkettung kleiner Dinge, die zu einem Ganzen vereinigt worden sind.
Sherlock Holmes: Die kleinen Dinge sind die allerwichtigsten
Irischer Segenswunsch: Ich wünsch dir Augen, die die kleinen Dinge des Alltags wahrnehmen und ins rechte Licht rücken.
Konfuzius: Ist man in kleinen Dingen nicht geduldig, bringt man die großen Vorhaben zum Scheitern.
Albert Schweitzer: Demut ist die Fähigkeit, auch zu den kleinen Dingen des Lebens emporzusehen.

Wie du siehst, sind die „kleinen Dinge“ nicht unbedingt Alltagssprache, viel eher ein gebräuchlicher und allgemein verständlicher Begriff.
Lieben Dank für deinen schönen Kommentar und herzliche Grüße,
Heliane.

#7 RE: Erwartung. von Uller Rich 27.05.2016 12:34

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Liebe Heliane,
Deine Einstellung zur freien Lyrik möchte ich teilen. Die Zusammenstellung von Zitaten ist durchaus bedenkenswert und alle Aussagen sind in der Essenz sehr ähnlich. Bei Sherlock Holmes habe ich jedoch ein Problem, wie auch bei manch anderem "Autor". Werden nicht zu oft kluge Worte in Münder gelegt, nur weil sie berühmt sind? Wer steckt als wahrer Autor dahinter? Nicht selten ein Namenlosen!
Mir scheint es zuweilen so, dass jemand etwas als freie Lyrik schreibt, weil er anderes nicht vermag. Damit es als Lyrik durchgehen soll, schreibt dieser dann Sätze als einzelne Worte untereinander. Meist schüttelt es mich dabei. Zu den Umbrüchen habe ich früher schon meine Meinung geäußert.
Auch dafür sollte es Regeln geben!
Mein Fazit ist: Etwas frei ohne Regeln zu tun ist besonders leicht. Etwas Gutes ohne Regeln zu tun, ist besonders schwer, denn es ist wie etwas Neues ohne Werkzeuge zu schaffen.
LG Ulrich

#8 RE: Erwartung. von Heliane 27.05.2016 14:50

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Lieber Ulrich,
die Sammlung der "kleinen Dinge"-Sprüche ist mehr zum Augenzwinkern gedacht, lediglich zur "Untermauerung" meiner kleinen Dinge, die ich nicht durch "Wunder" ersetzen und das Warum erklären möchte.
Wenn mein Gedicht halbwegs gut ankommt, bin ich zufrieden. Wir haben hier viel bessere freie Lyriker, die nämlich bei aller Freiheit das Wichtigste nicht vergessen: Den Klang unserer schönen Sprache.
Über das Für und Wider zur Freien Lyrik haben wir bereits heftig diskutiert und konnten einen gemeinsamen Nenner nicht finden - die "Fronten" sind ziemlich verhärtet. Die "freien" meinen, reimen könne jeder Autor, die Reimer meinen, das ungereimte "Zerfleddern" sei gar nichts. Hin und wieder im anderen "Revier zu jagen" scheint gegen die "Ehre" der unterschiedlichen Dichter zu gehen - es passiert äußerst selten.
Herzliche Grüße,
Heliane.

#9 RE: Erwartung. von Thomas 27.05.2016 15:53

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Liebe Medusa,

meinen Vorschlag habe ich ja in aller Bescheidenheit gemacht, und es war eher nur ein Denkanstoß.

Ich habe wieder und immer wieder versucht moderne Lyrik zu erkunden und fragte mich oft, wieso ich das nicht erkenne, was kluge Rezensenten sehen. Wenn jemand schreibt, "Kunst ist, wenn jemand behauptet es sei Kunst", dann stoße ich mit meinen einfachen Gesetzen der Logik an Grenzen. Deshalb sehe ich es ganz praktisch. Wenn ein Künstler Musiker ist, dann kann er ein Instrument spielen und zwar Stücke aus allen Zeitperioden. Wenn ein Künstler Dichter ist, dann muss er das Instrument Sprach so beherrschen, dass er Gedichte aller Zeitperioden schreiben kann. Er kann der Meinung sein, dass heute der Reim nicht mehr zeitgemäß sei, aber er muss es können. Wobei der Reim meiner Meinung nach tatsächlich nicht überbewertet werden darf. Vor dieser Erfindung der Araber gab es herrliche Lyrik ganz ohne Reim, warum soll sie es nicht heute geben. Wenn du die Bedeutung des "Klangs der schönen Sprache" betonst, liegst du meiner Meinung nach genau richtig, und wenn man moderne Lyrik laut liest, merkt man am besten, was sie taugt. Viele ist reine "Augenlyrik", wie ich es nenne. Auch finde ich interessant, dass Moderne Lyriker, wenn sie eigenes Lesen, z.B. oft die Zeilenumbrüche gar nicht lesen, obwohl sie der Meinung sind, sie seien wichtig. Ich bin genau wie Ulrich der Meinung, dass es besonders schwer ist, Gutes "frei" zu schreiben, dass ist das interessante daran, und deshalb denke ich, dass die Reimer durchaus "in diesem Revier wildern" sollten, wie du es ausdrückst. Übrigens finde ich im Musengarten gut, dass beide sogenannten Fraktionen vertreten sind und sogar manchmal (nicht oft, aber doch bisweilen) miteinander reden.

Liebe Grüße
Thomas

#10 RE: Erwartung. von Heliane 27.05.2016 16:30

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Lieber Thomas,
dein letzter Satz freut mich sehr! Ja, im Musengarten gehen die beiden „Lager“ respektvoller und neugieriger miteinander um, als ich es in meinem Beitrag #8 schilderte.
Wir haben tatsächlich „Tänzer auf zwei Hochzeiten“. Ilona beispielsweise schreibt von Haus aus freie Lyrik und kann auch reimen; du bist eigentlich ein Reimer und versuchst dich in freier Lyrik, was wollen wir mehr? Es gibt noch ein paar mehr Beispiele .
Klar gab es bereits vor den Arabern wunderschöne Gedichte, deren Klang jedoch nichts zu wünschen übrig ließ. Und das ist der Unterschied zu vielen unserer zeitgenössischen freien Lyriker: Sie häckseln und vergewaltigen unsere Sprache! Sie glauben, sich über sämtliche Regeln hinwegsetzen zu können, was ein Trugschluss ist. Ein freies Gedicht kann sehr schön klingen und den Wunsch nach Reimen völlig vergessen lassen, was ich ohne Not als kunstvoll bezeichnen kann.
Mich stört es besonders, wenn freie Verse ohne Probleme auch als Prosa gelesen werden können, bei meinem ist das der Fall. Auch freie Verse dürften durch Hebung/Senkung und klug gesetzte Versfüße/Zeilensprünge nicht als Prosa gelesen werden können.
Herzliche Grüße,
Heliane.

#11 RE: Erwartung. von Klatschmohn 27.05.2016 22:43

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Liebe Heliane,
was soll ich noch zu dem Thema sagen, vieles ist gesagt worden und mir bleibt zu dem Gedicht nur noch ein: Stimmt!!!!
Liebe Grüße,
Heidi(

#12 RE: Erwartung. von Jorsch 22.06.2016 13:58

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Liebe Heliane,

wenn ich ERWARTUNG lese, frage ich mich warum es im Musengarten
keine Rubrik Aphorismen gibt? Mehr bedarf es nicht zu erklären!

Lg Jorsch

#13 RE: Erwartung. von Heliane 24.06.2016 13:54

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Liebe Heidi,
danke fürs "stimmt" !

Lieber Jorsch,
wie viele Rubriken sollen denn noch hier entstehen? Ich denke, die vorhandenen lassen genug Spielraum.

Herzliche Grüße und Dank an euch beide,
Heliane.

#14 RE: Erwartung. von Jorsch 24.06.2016 21:04

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Liebe Heliane,

manchmal frage ich mich ob Du es einfach nicht erfühlst, mein Einwurf war ein
großes Lob für Dein Gedicht. Keine Ahnung was ich noch dazu sagen soll?

Lg Jorsch

#15 RE: Erwartung. von Heliane 25.06.2016 16:08

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Lieber Jorsch,
ach du liebe meine Güte, ich habe dich völlig falsch verstanden, kannst du mir bitte verzeihen?
Dass du dieses Gedicht mit einem Aphorismus vergleichen könntest, war mir überhaupt nicht in den Sinn gekommen; ich empfinde es als eher mittelmäßig. Aber wenn du es als Kenner sagst, dann glaube ich es sehr gerne und danke dir herzlich für dein dickes Lob .
Viele liebe Grüße aus unserer brütend heißen Hauptstadt,
Heliane.

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