#1 Heilserwartung. von Carlino 25.02.2016 09:10

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Heilserwartung
(Kiffhäuser)

Bergentrückt, der alte Kaiser,
streicht schon lang den roten Bart,
leicht bekifft und bangend weiß er,
so geht´s nicht - er kommt in Fahrt:

Taumelnd steht er auf vom Throne,
viel zu lange saß er dort,
still, entrückt als Steinikone
an dem abgelegnen Ort.

Als er dann mit stierem Blicke
in Berlin vorm Reichstag steht,
ruft er aus: „Wo ist die Zicke?“
Doch die ist vom Wind verweht!

Weggeblasen wie ein Käfer,
so, als wär sie lang schon tot,
viel zu spät kam er, der Schläfer;
sah ein andrer vor ihm rot?

Immer noch der alte Kaiser,
streicht er sich den roten Bart,
leicht bekifft und etwas heiser
spricht er guttural, doch zart:

„Liebe Deutsche, Untertanen,
ich bin´s Euer Friederich!
Holt heraus die alten Fahnen,
Friedrich lässt Euch nicht im Stich!“

#2 RE: Heilserwartung von Thomas 25.02.2016 10:32

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Lieber Carlino,

da hast du einen interessanten Punkt gemacht.

Liebe Grüße
Thomas

P.S.:
Heinrich Heine schickte dir wohl wintermärchenhafte Grüße

Der Kaiser bewohnt den vierten Saal.
Schon seit Jahrhunderten sitzt er
Auf steinernem Stuhl, am steinernen Tisch,
Das Haupt auf den Armen stützt er.

Sein Bart, der bis zur Erde wuchs,
Ist rot wie Feuerflammen,
Zuweilen zwinkert er mit dem Aug',
Zieht manchmal die Braunen zusammen.

Schläft er oder denkt er nach?
Man kann's nicht genau ermitteln;
Doch wenn die rechte Stunde kommt,
Wird er gewaltig sich rütteln.

Die gute Fahne ergreift er dann
Und ruft. "Zu Pferd! zu Pferde! "
Sein reisiges Volk erwacht und springt
Lautrasselnd empor von der Erde.

Ein jeder schwingt sich auf sein Roß,
Das wiehert und stampft mit den Hufen!
Sie reiten hinaus in die klirrende Welt,
Und die Trompeten rufen.

Sie reiten gut, sie schlagen gut,
Sie haben ausgeschlafen.
Der Kaiser hält ein strenges Gericht,
Er will die Mörder bestrafen –

Die Mörder, die gemeuchelt einst
Die teure, wundersame,
Goldlockichte Jungfrau Germania –
"Sonne, du klagende Flamme! " etc. etc.

#3 RE: Heilserwartung von Carlino 25.02.2016 19:12

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Lieber Thomas,
vor Heine, der den Kaiser stark ironisiert, hat schon Friedrich Rückert über den Kyffhäuser folgendes gedichtet:

Der alte Barbarossa,
Der Kaiser Friederich,
Im unterirdschen Schlosse
Hält er verzaubert sich.

Er ist niemals gestorben,
Er lebt darin noch jetzt;
Er hat im Schloß verborgen
Zum Schlaf sich hingesetzt.

Er hat hinabgenommen
Des Reiches Herrlichkeit,
Und wird einst wiederkommen,
Mit ihr, zu seiner Zeit.

Der Stuhl ist elfenbeinern,
Darauf der Kaiser sitzt:
Der Tisch ist marmelsteinern,
Worauf sein Haupt er stützt.

Sein Bart ist nicht von Flachse,
Er ist von Feuersglut,
Ist durch den Tisch gewachsen,
Worauf sein Kinn ausruht.

Er nickt als wie im Traume,
Sein Aug halb offen zwinkt;
Und je nach langem Raume
Er einem Knaben winkt.

Er spricht im Schlaf zum Knaben:
Geh hin vors Schloß, o Zwerg,
Und sieh, ob noch die Raben
Herfliegen um den Berg.

Und wenn die alten Raben
Noch fliegen immerdar,
So muß ich auch noch schlafen
Verzaubert hundert Jahr.

Vielen herzlichen Dank für Dein Lob

Karlheinz

#4 RE: Heilserwartung von Thomas 26.02.2016 14:47

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Lieber Carlino,

Danke für den Friedrich Rückert. Das kannte ich nicht, abe Heine hat es bestimmt gekannt. Die Raben kreisen immer noch...

Liebe Grüße
Thomas

#5 RE: Heilserwartung von Carlino 01.03.2016 13:10

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Lieber Thomas,
sie kreisen immer noch? D.h., wenn Not am Mann in Zeiten der Merkeldämmerung ist, könnte es sein, dass er auf der Matte steht? Wir wollen nicht hoffen, dass sich alles so zuspitzt, dass wieder der Ruf nach einem starken Mann erschallt!
Vielen Dank und Grüße aus Lüli
Karlheinz

#6 RE: Heilserwartung. von Heliane 01.03.2016 17:20

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Lieber Karlheinz,
‚Bergentrückt‘ und ‚Steinikone‘ sind meine absoluten Favoriten – tolle Wortschöpfungen! Wunderbar auch der Kiffhäuser!
Ja, wer das aalglatte Interview gesehen hat, weiß jetzt, wo es langgehen wird, sie wird alles aussitzen wie ihr Vorgänger, egal, wie es im Lande und rundherum ausschaut.
Die letzte Strophe lässt frieren!
Sehr witzige Reime und prima zu lesen. Ein rundum gelungenes Gedicht, das ich gerne in meine Sammlung „Lieblingsgedichte“ übernehmen möchte, in Ordnung?
Herzliche Grüße,
Heliane.

#7 RE: Heilserwartung. von Carlino 02.03.2016 12:43

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Liebe Heliane,
natürlich ehrt es mich sehr, wenn Du mein Machwerk in Deine Sammlung stellst!!!

Viele liebe Grüße aus dem völlig verregneten Lüli
Karlheinz

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