#1 Albtraumsonett von Friedhelm 02.01.2014 09:09

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Seit langem muss ich oft in Träumen rennen,
mich wie ein Wild der Jagd durch Flucht entziehn,
als wolle sich mein Ich von Räumen trennen,
aus jahrelanger, strenger Zucht entfliehn.

Es heißt, dass kurz im Schlaf Geschichten dauern,
doch ewig, wenn man scheinbar nicht erwacht.
Lässt mich der Horror in Gedichten schauern,
fühl ich mich ärmlich wie ein Wicht der Nacht.

Versuche ich, den Ausbruch schlicht zu wagen,
wächst mir der Mut auch kühn mit Sturmgewalt:
Der Albtraum weiß mich armen Wicht zu schlagen,
schon schrumpf ich nachts darauf zur Wurmgestalt.

Ein Albtraum wohl, der Seelenqual vermehrt,
und der normal zu unnormal verquert.

#2 RE: Albtraumsonett von 03.01.2014 11:40

Lieber Friedhelm,
Deine Fähigkeit, Schüttelreime in allen Themenbereichen zu verwenden, ist bewundernswert. Ich hab auf Anhieb gar nicht mal gemerkt, dass Schüttelreime vorhanden sind.
Kleiner Kritikpunkt diesmal: Du hast 5x den Wortstamm Traum verwendet, was die Güte des Textes mM nach zu sehr schmälert.In S2 Z3 zB wärs ein Leichtes, ein 'Geträumtes' rauszukicken. Das seh ich sowieso als einen Logikfehler an, denn was das LI in Gedichten liest, ist ja nichts 'Geträumtes'. Hier würd alles mögliche passen, von 'Bizarres', 'der Horror' angefangen und, und, und...

Ein extra Lob möcht ich Dir allerdings für den Schüttelreim der letzten beiden Zeilen aussprechen. Das qu ist ein regelrechter Albtraum zum Schütteln und Du hast trotzdem einen sinnigen Satz hinbekommen.

Das 'unnormal' ist mir nicht geläufig, obwohl es durchaus richtig sein mag. 'Abnormal' würd mir jedoch 'normaler' erscheinen.

Sehr gern gelesen, gestaunt und gesenft.

LG von Lailany

#3 RE: Albtraumsonett von Friedhelm 03.01.2014 17:30

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Liebe Lailany,

habe herzlichen Dank für deine Beschäftigung mit meinem Text. Du gehörst ja zu meinen treuesten Lesern und Kommentatoren, wobei mir deine Ansichten und Anregungen häufig sehr hilfreich waren. Diesmal kann ich aber deinen Einwendungen nicht folgen.

Das Geträumte, welches das LyrIch liest, ist sehr wohl existent, nämlich wenn es Thematik oder Inhalt des betreffenden Gedichtes ist, wenn dieses also Träume beschreibt oder darüber sinniert.

Die von dir erwähnte Häufung von Traumwörtern finde ich in meinem Traum-Gedicht nicht störend. Zu meinem Gedicht angeregt wurde ich u.a. von Rilkes Gedicht „Die weiße Fürstin“, in dem diese mit ihrer Schwester Monna Lara über deren Träume spricht, wobei der Dichter deutlich häufiger den Wortstamm Traum gebraucht als ich. Ich habe darauf geachtet, dass die Traum-Wörter sehr dezent in den Text eingewoben sind und die Sprachmelodie nicht stören, wie auch die Schüttelreime, die - wie auch du feststellst - nicht weiter auffallen oder sich in den Vordergrund spielen.

"Unnormal" oder "abnormal" - beide Wörter sind korrekt und anwendbar. Ersteres verwendet die deutsche Vorsilbe, letzteres die lateinische. Es obliegt also einzig dem persönlichen Geschmack des Schreibenden, für welche der Varianten er sich entscheidet. In Österreich scheint abnormal gebräuchlicher zu sein, wie ich dem Duden entnehme.

Liebe Grüße
Friedhelm

#4 RE: Albtraumsonett von 04.01.2014 09:01

Lieber Friedhelm,
Gedankenaustausch freut mich genauso sehr wie das Lesen eines guten Werkes, denn fast immer gibt eine Diskussion Interessantes, sowie Wissenswertes her.
Dass sogar im Duden festgehalten ist, dass in Österreich abnormal üblich ist, war mir zB neu und es ist sicher eines der wenigen Begriffe, die so eindeutig regionsbezogen sind.
Normalerweise entstehen solche Diskussionen um die unterschiedliche Betonung einer ganzen Menge von Wörtern, eins der markantesten ist sicher 'Kaffee'. In Österreich wird das ee betont, in DE das a.

Zu Deiner Erklärung des 'Geträumten', welches das LI liest, das hatte ich vorher schon richtig aufgefasst. Klar kann das, was LI liest, ebenfalls geträumt sein - vom Autor.
Worauf ich hinaus wollte, war, außer auf dieses eine kannst Du auf keins der anderen 'traum' verzichten, denn der Text handelt nun mal von den Träumen des LI.
Er muss aber nicht noch zusätzlich von den Träumen eines Gedichteschreibers erzählen.
Fazit ist, dass uns LI von seinen Träumen erzählt, bei deren Inhalt es ua um die Träume einer zusätzlichen Person (des Schreibers des/der Gedichte) geht.
DAS hab ich mit 'unlogisch' gemeint, aber nicht präzise genug formuliert. Und unlogisch ist wohl auch nicht das richtige Wort dafür.

Ich stimme Dir zu, dass Du die 'traum'-Wörter strategisch verteilt hast.
Die Schüttelreime jedoch, die sich meist unwilliger in einen Text ducken, hast Du MEISTERLICH eingeflochten (was die hohe Qualität des Textes ausmacht).
Verglichen mit diesem Kunstkniff sehe ich eine 5malige Verwendung von 'traum' als Schmälerung an, egal, wie geschickt Du sie verstreut hast.

Aber das wird mich sicherlich nicht davon abhalten, weiterhin mit großem Vergnügen Deine Werke zu lesen und zu kommentieren.

Und ich tausche mich auch immer wieder sehr gerne mit Dir aus.

LG von Lailany

#5 RE: Albtraumsonett von Friedhelm 10.01.2014 20:50

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Liebe Lailany,

ich hatte dir per PN schon angedeutet, dass ich nochmal über meinen Text gehe. Den Anstoß dazu hat meine Frau gegeben, die mir beim Lesen deines Beitrags über die Schulter geschaut hat. Ich habe ihre Anregungen, die den deinen recht nahekommen, in meinen Text eingebaut.

Liebe Grüße
Friedhelm

#6 RE: Albtraumsonett von Derolli 10.01.2014 20:56

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Lieber Friedhelm,

der letzt Schüttler - oh man der ist echt super Spitzenklasse - nicht dass das die anderen schmälern soll, aber der ist überirdisch!

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