#1 Regenbogenland. von wüstenvogel 19.06.2015 21:35

avatar

Jenseits des Regenbogens
weit hinterm Horizont dieser Zeit
liegt vielleicht ein Strand
ohne Grenzen
ohne Gewalt
ohne Not.

Da ist niemand
der andere unterdrückt
beherrscht
bedroht.

Dieses Land
ist allen wohlbekannt
Erde
wird es genannt.


"Imagine there's no countries
it isn't hard to do
nothing to kill or die for
and no religion too."
(John Lennon, Imagine)

#2 RE: Regenbogenland von Priska 20.06.2015 08:24

avatar

Hallo Wüstenvogel,

aus Strophe 1 deines Gedichts spricht die Sehnsucht, auszubrechen aus dem Gefängnis der heutigen Zeit, du malst das verklärte Bild einer Welt ohne Not und ohne Grenzen - ein Wunsch, der wohl jeden denkenden Menschen bewegt. Indem du aufzeigst, wie die Welt sein könnte, aber nicht ist, ist dein Gedicht auch Kritik am Bestehenden. Da ist Heine dahinter: "Wir wollen auf Erden schon glücklich sein" - ein guter Gedanke, meiner Ansicht nach aber zu verschwommen ausgeführt.

Strophe 2 noch einmal die Welt, wie sie sein könnte. Gedanklich gehört sie zur Strophe 1.

Schwach dagegen die Strophe 3. Was du machen willst, begreife ich, aber du argumentierst nicht überzeugend, insofern, als am Ende herauskommt, als dieses Land (die Erde) ja bereits existiert. Ja, die Erde existiert, aber sie existiert so, wie man sie sich nicht wünscht.

Das angehängte Zitat Lennons ist wohl eher populärer Bildungsschwulst, wie wäre es denn aber, wenn du es gleich anfangs zitierst und sozusagen Lennons Aussagen "beweist"?

Ich kann dir nur vorschlagen, das Gedicht im Ganzen noch einmal zu durchdenken, dich an die Prämisse deines Textes zu halten. Schön wäre es auch, wenn du vielleicht ein, zwei Bilder oder Metaphern einsetzen oder ganz konkret auf ganz konkrete Missstände eingehen würdest, um damit deine Behauptungen zu "unterfüttern".

Priska

#3 RE: Regenbogenland von Thomas 20.06.2015 16:37

avatar

Lieber wüstenvogel,

ich empfehle in der drittletzten Zeile das Wort "allen" durch "eigentlich" zu ersetzen. Meiner Meinung nach ist zwar klar, wie du es meinst, aber man kann es dem oberflächlichen Leser, für den deine Formulierung zu paradox geraten ist, ja hilfreich unter die Arme greifen. Vielleicht könnte man zum Schluss auch ganz kurz (aber wieder etwas paradoxer) sagen:
"Dieses Land
wird Erde genannt."

Ansonsten würde ich nichts ändern. Dein Text umspielt wie eine Art Variation sehr treffend das Zitat, auf welches es sich bezieht.

Ich finde es sehr gut, dass du als Motiv ein Zitat eines Textes der Pop-Musik wählst, denn ich bin der Meinung, dass diese die wirklichen Lyriker unserer Zeit sind, und nicht die ungelesen Wortakrobaten, die sich in arroganter Weise heute als Lyriker bezeichnen.

Liebe Grüße
Thomas

#4 RE: Regenbogenland von wüstenvogel 20.06.2015 20:04

avatar

Hallo, ihr beiden,

zunächst einmal herzlichen Dank für eure Beschäftigung mit meinem Gedicht.

Strophe 1 und Strophe 2 gehören zusammen - das stimmt. Die Sehnsucht nach einer besseren Welt wird negativ dargestellt - durch das Fehlen von Missständen .... Darin liegt sicher viel Kritik an den heutigen Zuständen. Ob das jetzt verschwommen ist oder nicht (ein Regenbogen ist ja auch irgendwie verschwommen) muss jeder Leser für sich selbst beantworten.

Das Lied von John Lennon ist für mich eines der beeindruckensten und schönsten Lieder der Popmusik - es gibt nicht viele Lieder, die eine gesellschaftliche Utopie so musikalisch und lyrisch zugleich ausdrücken, finde ich.

Sicher könnte man das Zitat auch an den Anfang stellen.

Mit der letzten Strophe bin ich auch nicht zufrieden - sie vielleicht zu einfach "gestrickt" - euer Unbehagen daran kann ich teilen.

Deswegen sieht die (vorläufig) endgültige Fassung jetzt so aus:

Irgendwo
jenseits des Regenbogens
viel zu weit
hinterm Horizont unsrer Zeit
liegt vielleicht ein Land
ohne Grenzen
ohne Gewalt
ohne Not
niemand
der andere benutzt
beherrscht
bedroht.

Dieses Land
noch unerforscht
und unbekannt
wird vielleicht einmal
Erde
genannt.


Nochmals herzlichen Dank an euch beide!

Liebe Grüße

Michael

#5 RE: Regenbogenland von Klatschmohn 21.06.2015 09:50

avatar

Lieber Michael,
mit der letzten Fassung:

Jenseits des Regenbogens
viel zu weit
hinterm Horizont unsrer Zeit
liegt viellleicht ein Land
ohne Grenzen
ohne Gewalt
ohne Not
niemand
der andere benutzt
beherrscht
bedroht.

Dieses Land
noch unerforscht
und unbekannt
wird vielleicht einmal
Erde
genannt.

-kann ich eher mitgehen und würde es mir wünschen, aber leider glaube ich nicht daran, so lange es das Raubtier "Mensch" gibt.
Tut mit leid, dass ich so über unsere Spezies denke, denn die Welt ist ein Ort des Überlebenskampfes. Vielleicht ändert man ja irgendwann unsere Gene, aber dann sind wir bald ausgestorben. Aber vielleicht täusche ich mich auch. Die Sehnsucht bleibt!

Etwas hoffnungslose Grüße, Heidi

#6 RE: Regenbogenland von wüstenvogel 21.06.2015 20:54

avatar

Liebe Heidi,

wenn ich mir die momentane Situation auf dieser Welt anschaue, dann denke ich auch dass wir uns immer weiter vom "Regenbogenland"
entfernen. Und doch - trotzdem oder gerade deswegen dürfen wir nicht aufgeben zu hoffen, zu träumen, uns eine grenzenlose und gewaltfreie Welt vorzustellen. In meinem Gedicht wird diese Welt ja auch als ziemlich unerreichbar dargestellt - jenseits - viel zu weit - hinterm Horizont -
vielleicht .... Aber selbst wenn sie nur in unseren Sehnsüchten existiert, gibt es sie - irgendwann, irgendwo, irgendwie....

Vielen Dank für deinen Kommentar!

Liebe Grüße

Michael

#7 RE: Regenbogenland von anna a. 21.06.2015 22:29

avatar

Lieber Wüstenvogel,

Ich bewege das Gedicht schon länger in meinem Herzen. Der Titel sprach mich sofort an, ist es nicht das Regenbogenland, in dem der Zauberer von Oz lebt ( somewhere over the Rainbow) .

Mir persönlich gefällt die Dreiteilung besser - ich brauche Luft zwischen den einzelnen Aussagen, das andere fließt zu sehr ineinander.

Die letzte Strophe widerum gefällt mir besser in der zweiten Version . Es geht um eine Vision, eben ein Regenbogenland und das, wohin wir wollen mit unserem Tun.

Das Zitat von John Lennon finde ich sehr passend - vielleicht könntest du es in den Titel integrieren oder andeuten ..

Herzliche Grüße und ich halte es wie Bloch: die Hoffnung stirbt zuletzt'

Anna

#8 RE: Regenbogenland von Heliane 26.06.2015 19:20

avatar

Lieber Michael,
mir gefallen beide Variationen bestens. Warum dürfen wir uns das Regenbogenland nicht erhalten und müssen ständig überaus streng mit uns umgehen, uns keine naiven Träume mehr erhalten?
Lennons Text passt hervorragend, egal, ob er nun oben oder unten steht.
Zwei sehr schöne, verträumte Gedichte, die ich sehr gerne gelesen habe.
Herzliche Abendgrüße,
Heliane.

#9 RE: Regenbogenland von wüstenvogel 27.06.2015 21:55

avatar

Liebe anna, liebe Medusa,

ich danke euch recht herzlich für eure Anmerkungen.

Die "Urfassung" dieses Gedichts stellt eine mehr oder weniger lyrische Reaktion auf das Lied "Somewhere over the rainbow" von B. Middler dar, Originalversion von J. Garland in "Der Zauberer von Oz".
Mich fasziniert in diesem Lied die darin ausgedrückte Sehnsucht, die ich versucht habe ein wenig mit meinen bescheidenen Zeilen einzufangen. Die beste Version dieses Lieds ist die von Izzy.

Vielleicht gibt es dieses Land - irgendwo hinter dem Regenbogen - auf jeden Fall ist es eine wunderschöne Vorstellung.
Kinder und Dichter dürfen (und müssen sogar manchmal) naiv sein und träumen.
Das haben beide schon zu allen Zeiten getan.

Ich grüße euch beide recht herzlich!

Michael

Xobor Xobor Community Software