#1 Ein Schmähgedicht*. von plotzn 13.06.2015 17:13

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Ich weiß jetzt, du bist so gigantisch
sensibel-verletzlich-romantisch
wie sonst nur ein industrieller
Gefrierschrank im Krankenhauskeller -
so zweckmäßig praktisch-quadratisch
und beinah genauso sympathisch.

So sehr sie sich sträuben und winden,
es hilft nichts, denn langsam verschwinden
in deinem Gehirn alle Stellen
mit Resten von gräulichen Zellen.
Die fühln sich bei deinem IQ so
vereinsamt wie Robinson Crusoe.

Es muss ja nicht jeder gleich wissen,
wie unfair, gemein und gerissen
du Vorteile ausnutzt. Gewöhnlich
eröffne ich jedem persönlich,
warum sein Verhalten viel Not schafft -
auf YouTube als Videobotschaft.

Um alles zusammenzufassen:
Man kann sich auf dich voll verlassen,
auf all deine nervenden Macken,
auf angstbeißerhafte Attacken,
vor allem auf dreisteste Lügen,
wenn du nach Eroberungszügen

durch Kneipen versuchst, die Affären
schnell unter den Teppich zu kehren.
Doch jetzt ist genug mit der Klage.
Es gab auch mal bessere Tage,
zum Beispiel den Sommer in Xanten -
bevor wir uns überhaupt kannten.


* Gebrauchsanleitung: Dem zu Schmähenden gegenübertreten, laut rezitieren und dann möglichst schnell weglaufen.

#2 RE: Ein Schmähgedicht*. von Thomas 13.06.2015 17:27

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Liebe plotzen,

typisch, gut, wie gewohnt!

Aber wieso denn wegrennen?

Ich habe gerade beschlossen,
dass ich wegen so nem Genossen
mich nie mehr nerve und stresse.
Drum hau ich dir jetzt auf die Fresse.
Und falls dir das noch nicht reicht,
wirst du mit dem Messer geleicht.


Liebe Grüße
Thomas

#3 RE: Ein Schmähgedicht*. von Klatschmohn 13.06.2015 21:08

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Wunderbar, lieber Stefan!
Eine feine Beleidigungsballade die es in sich hat, hast Du uns hier gelehrt.
Ich lach mich grad kaputt!
Mein Liebingsvers ist:

Die fühln sich bei deinem IQ so
vereinsamt wie Robinson Crusoe.

Das ist einfach genial.
Ich bin grad jetzt in sehr sanfter Stimmung, sonst hätte ich zu gerne, wie Thomas auch ein bisschen losgeschmäht.
Vielleicht heb ich es mir für später auf.

Schmählose guten Abend Grüße,
Heidi

#4 RE: Ein Schmähgedicht*. von Priska 14.06.2015 06:41

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Hallo Plotzn,

die daktylisch gereimte Klage einer Verschmähten, Vernachlässigten in Paarreim gefasst. Sie lässt vom Stapel, was sie drauf hat, und keinen guten Faden an dem, den sie eigentlich doch nicht missen will. Aber was sagt man nicht alles, wenn man enttäuscht ist. An ein paar Stellen klappt es nicht so ganz mit dem Daktylus, aber das verschmerzt man schnell, du wirst die Stellen kennen.

Die schönste Freude ist eben immer die Schadenfreude, man liest es und amüsiert sich.

Priska

#5 RE: Ein Schmähgedicht*. von Ostseemöwe 14.06.2015 10:24

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lieber Stefan

ein gutes Rezept um sich gute Laune zu holen ist:
Deine humoristischen Gedichte zu lesen.
Danke dafür und herzliche Grüße
Ilona

#6 RE: Ein Schmähgedicht*. von plotzn 14.06.2015 12:28

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Lieber Thomas,
wieso schreibe ich eigentlich noch "lieber" bei solchen Drohungen?

Wer wird gleich zum Äußersten greifen
und Klingen der Messer beschleifen?
Man könnte es sicherlich schaffen,
sich anders zu wehrn als mit Waffen.
Zum Beispiel auf dichtende Weise.
Das tat'st Du? Ich bin ja schon leise ...


Liebe Heidi,
es ist nie zu spät für ein ordentliches Schmähgedicht. Lass sich die gesamte negative Energie in Dir sammeln und dann hau es raus. Ich bin gewappnet und kann es vertragen
Dein Lieblingsvers war übrigens Ausgangspunkt zu meinem Gedicht. Alles andere hat sich drum herum entwickelt.


Liebe Priska,
ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Protagonistin den Delinquenten wirklich nicht missen will. Aber es könnte natürlich gut sein - verletzte Liebe kann zu heftigen Ausbrüchen führen - ich werde meine LyrIn mal befragen
Bezüglich der daktylischen Holperer stehe ich gerade auf dem Schlauch - zeig mir doch bitte, wo ich noch nachgießen muss.


Liebe Ilona,
es würde mich freuen, wenn mein Gedicht bewirkt, dass sich beim einen oder anderen Leser die Laune hebt. Alltagsscheiß gibt es genug, da kann ein Schmunzler nicht schaden


Vielen Dank Euch allen und liebe Grüße!
Stefan

#7 RE: Ein Schmähgedicht*. von Priska 14.06.2015 18:46

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Hallo Plotzn,

alles eine Sache der Psychologie: Wenn die Verschmähte nichts mehr von ihm wissen wollte, würde sie höchstens sagen: "Raus, du Lump!", aber nicht zu einem fünfstrophigen Schmähgedicht ausholen. Soviel dazu.

Aber du fragst mich, wo du dich verhaspelt hast. Ich krieg das jetzt nicht mehr zusammen, ich denke, im Großen und Ganzen ist es gut geworden. Fraglich nur:

S1Z4 = Krankenhauskeller - zusammengesetztes Substantiv, Kranken-haus betont, folgt ein Spondeus: haus-keller. Das Wort Krankenhaus ist ein Kretikus: betont-unbetont-betont.

Ein echtes Daktylus-Gedicht würde aber auch daktylisch reimen, außerdem wechselst du zwischen männlichen und weiblichen Kadenzen, also nicht Daktylus, sondern Jambus und Trochäus. Das betrifft S2 und S3 mit männlichen Kadenzen; S1, S2, S4 und S5 haben schwache Kadenzen. Korrekter wäre eine durchgehende einheitliche Kadenz.

Aber das macht nichts, das Gedicht liest sich gut, und nur wer selbst schreibt, dem fällt das auf. Damit kann man aber nicht immer rechnen.

Priska

#8 RE: Ein Schmähgedicht*. von plotzn 15.06.2015 18:03

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Hallo Priska,
an der Psychologie ist was dran. Wenn anfangs echte Liebe war, kommt man da auch nicht leicht wieder von los.

Ich kenne mich in der Theorie der Versmaße nicht besonders aus. Daher kann es gut sein, dass das Gedicht kein reines Daktylus-Gedicht ist. Ich habe versucht, ein einheitliches Versmaß durchzuhalten:

x X x x X x x X x

Der Krankenhauskeller passt in meinen Augen ganz gut rein. Ich betone ihn X x x X x (auch wenn Krankenhaus alleine X x X betont wird).

Die Kadenzen sollten eigentlich durchgehend weiblich ( X x ) sein. Es gibt zwei Stellen, bei denen das nicht in Reinheit so ist, die Reime:
- IQ so // Crueso (hier könnte man das "so" auch betont lesen)
- Not schafft // Botschaft (hier ebenso - man kann das "schafft" betont lesen)

Allerdings sind diese beiden Reime auch gerade diejenigen, die das Humorgedicht mit am meisten ausmachen. Sie sind frisch und unverbraucht. Das ist mir an dieser Stelle wichtiger.

Danke jedenfalls für Deine Erklärungen, wie Du es gemeint hast!

Liebe Grüße, Stefan

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