#1 Eisvogel von Thomas 22.12.2013 08:59

avatar

Eisvogel

Mir sind die Flügel etwas schwer geworden
von all dem Eis, das in den Wolken lauert,
auch hat es länger als gedacht gedauert,
und aus dem Süden wurde schließlich Norden.

Mich packte Angst vor diesen wilden Horden,
da habe ich die Fenster zugemauert,
mich mit gesenkten Flügeln hingekauert,
und überlebte so das Seelenmorden.

Das alles ist nun lange nicht mehr wahr,
die Welt ist heiter und es wird gesungen,
und beinah hätte ich mich aufgeschwungen,
die Nacht war frühlingsmild und sternenklar.

Doch sind die Federn mir wie Glas zersprungen
und das Vergessen ist mir nicht gelungen.



© Ralf Schauerhammer

#2 RE: Eisvogel von 22.12.2013 09:12

Wow, ist das schön, lieber Thomas...
ein Traum von einem Gedicht, reine Poesie... ich bin hingerissen.
Sehr geschickt drapierst Du einen grauen Schleier um den Leser.
Wie Du die Übergänge im Sinn hingedrechselt hast... es beginnt traurig, beim Ende der 2. Strophe gibst Du dem Leser einen Schimmer Hoffnung, den Du in S3 noch steigerst und dann...
die letzten 2 Zeilen.... die Resignation. So traurig, und doch so wunderschön. Welch ein Gedicht!
Kompliment und allergrößtes Lob.

Eine kleine Mäkelei möchte ich Dir trotzdem hierlassen: wenn Du 1x Flügel mit 'Schwingen' ersetzen würdest, wär es Perfektion.

Ich bedanke mich für den Lesegenuss.

LG von Lailany

Ps: beim nochmaligen Lesen hab ich einen Tippfehler entdeckt: Z2 bei 'dass' muss ein s weg.

#3 RE: Eisvogel von Uller Rich 22.12.2013 18:54

avatar

Lieber Thomas,
leider bin ich in meiner Wortwahl nicht so euphorisch wie Lailany, doch hat es mir sicher nicht weniger gut gefallen. Die Worte verschmelzen sehr gekonnt mit der Aussage. Eine gute Mischung von Sinn und Gefühl.
LG Ulrich

#4 RE: Eisvogel von 27.12.2013 12:45

Lieber Thomas,

der Weg (Flug) ist mühevoll und er führt in die Kälte. Im Norden wird der Vogel von Gefahren erwartet vor denen er sich angstvoll schützt. Mit vergehender Zeit wird es wärmer und das Leben froh. Der Vogel wird wieder zuversichtlich und mutig, doch die Erinnerung an die schwere Zeit lastet schwer auf ihm und er leidet weiter an den Nachwirkungen.
Die Aussage hast Du schön und poesievoll in Deinem Gedicht dargestellt. Die umrahmten Reime bringen alles gefühlvoll zum Ausdruck. Insgesamt ist es auch ein gutes Beispiel, wie mit umrahmten Reimen sinnvoll gearbeitet werden kann. Bin begeistert.

Hans Plonka

#5 RE: Eisvogel von Butenlänner 27.12.2013 18:01

avatar

Hi,
versteckt sich auch die Frage >wozu sind Flügel da< in deinen Versen? Oder wie gehe ich mit Freiheit um? Oder, kann die Freiheit und der jugendliche Expansionsdrang auch lästig werden? Oder schlichtweg: Reisen und ankommen, Heimweh und Fernweh und das Gefühl dazwischen!
Ich habe es so aufgenommen!
S3V3 könnte ich mir auch so vorstellen:
beinahe hätte ich mich aufgeschwungen

Schöne Verse mit schönen Metaphern.

Lg

Fietje

#6 RE: Eisvogel von 27.12.2013 19:32

Lieber Thomas,

dein Eisvogel steckt voller Zweifel und Ängsten. Hätte er sich doch einmal aufgeschwungen, vielleicht wären ihm neue Flügel gewachsen.
Dein Gedicht ist melancholisch und vermittelt Resignation. Dass du für deine Erzählung den Eisvogel gewählt hast, gefällt mir besonders gut.

Da ich in meinen Gedichten immer wieder zu Recht auf die Häufung von unbedeutenden Einsilbern hingewiesen werde, möchte ich das jetzt bei deinem guten Gedicht ebenfalls tun.
Außerdem schlage ich dir statt "da" einmal das Wörtchen "drum" vor.

Mir sind die Flügel etwas schwer geworden
vom vielen Eis, das in den Wolken lauert,
auch hat es länger als gedacht gedauert,
und aus dem Süden wurde schließlich Norden.

Mich packte Angst vor diesen wilden Horden,
drum habe ich die Fenster zugemauert,
mich mit gesenkten Flügeln hingekauert,
und überlebte so das Seelenmorden.

Das alles ist vorbei und nicht mehr wahr,
die Welt ist heiter und es wird gesungen,
beinahe hätte ich mich aufgeschwungen,
die Nacht war frühlingsmild und sternenklar.

Doch meine Federn sind wie Glas zersprungen
und das Vergessen ist mir nicht gelungen.


Ein aussagekräftiges Gedicht, das mich zum Verweilen eingeladen hat.

Liebe Grüße
Sid

#7 RE: Eisvogel von Thomas 27.12.2013 21:35

avatar

Hallo ihr lieben Musengartenpflänzchen,

vielen Dank für eure nette Kommentare und vor allem Sidgrani für die korrektur des Schreibfehlers. Der Vorschlag "beinahe hätte ich mich" hat etwas für sich, es klingt runder. Aber das "und" bringt etwas von vorhersagbarem Scheitern hinein, was ich an dieser Stelle wichtig finde.

Liebe Lailany, Warum "Flügel" nur einmal hören willst, verstehe ich nicht. "Schwingen" bringt Bilder mit sich, die ich hier nicht passend finde. Vielleicht kannst du das noch deutlicher machen.

Lieber Hans, die Form ist ein Experiment. Es ist eigentlich ein Sonett, aber in der Qualität eines Shakespear-Sonetts (drei strophen mit "closed couplet". Aber Shakespear benutzt keine umarmenden Reime, was ich hier gerade passend finde. Schön dass du es auch so siehst wie ich.

Liebe Grüße
Thomas

#8 RE: Eisvogel von ferdi 27.12.2013 23:09

.

#9 RE: Eisvogel von Thomas 28.12.2013 12:47

avatar

Lieber Ferdi,

danke für den Kommentar, in dem du dir die Zeit genommen hast, deine Gedanken ganz ausführlich darzulegen. Dass die Vierheber nicht so ganz "machbar" sind, ist nicht so wichtig, aber wenn ich dein vierhebiges Beispiel lese, bestätigt mich das von der Richtigkeit der gewählten Fünfheber. Durch die von dir beispielhaft vorgenommene Verkürzung wird der Text sachlich und es geht genau das Wesentliche, das Ungesagte oder Kaum-gesagte verloren. Ähnliches gilt für die anderen von dir angeführten Punkte. So wie du denkst, sind sie zwar alle richtig, aber wenn ich das versuchen würde umzusetzen, dann fehlte etwas Wesentliches. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Eine Metapher ist eben mehr als ein Symbol oder ein Bild und erst aus der zusätzlichen Dimension des Wunderbaren erwächst die Poesie.

Liebe Grüße
Thomas

#10 RE: Eisvogel von ferdi 28.12.2013 14:56

Hallo Thomas!

Du hast deinen Kopf, ich habe meinen; sonst bräuchten wir uns ja nicht auszutauschen ... Was mich aber schon freuen würde: Von dir eine ganz konkrete Antwort zu bekommen an den Stellen, wo ich Fragen an einzelne Stellen des Textes gerichtet habe. Denn die sind genauso gemeint: als Fragen, deren Beantwortung mir in der Beschäftigung mit deinem Text weiterhelfen würden. "Aus der zusätzlichen Dimension des Wunderbaren erwächst die Poesie" ist zwar ein toller Satz für Feiertage, hilft aber beim mühsamen Tagesgeschäft der Textarbeit kaum weiter?!

Gruß,

Ferdi

#11 RE: Eisvogel von Thomas 28.12.2013 18:08

avatar

Lieber Ferdi,

dein Kommentar enthält nur Behauptungen und rhetorische Fragen, also keine wirklichen Fragen die zur Beantwortung anregen. Auch kann ich dir beim "mühsamen Tagesgeschäft der Textarbeit" leider nicht weiterhelfen, ich versuche nämlich einfach nur zu dichten und nutze die "Gunst des Augenblicks".

Viele Grüße,
Thomas

P.S.: Da gerade einige Feiertage anstehen, besteht die Gelgenheit darüber nachzudenken, was ich mit der "zusätzlichen Dimension" meinen könnte. Da muss man selbst darauf kommen. Vielleicht hilft das dann doch weiter.

#12 RE: Eisvogel von ferdi 28.12.2013 18:51

.

#13 RE: Eisvogel von Jean Poulet 28.12.2013 19:10

avatar

Aber bitte, meine Herren, bewahren Sie Contenance!
Merci,
Jean/Admin.

Xobor Xobor Community Software