#1 Als Heim nicht Heim fand. von Uller Rich 19.01.2015 00:04

Ich habe lang vergessen, was mich dereinst bedrückte.
Ein grauer Nebel deckt mir alle Schwere zu.
Verblasst ist gleichfalls jenes, was mich so froh entzückte,
Der Sturm schweigt nun für immer, die Welt lässt mich in Ruh.

Kein Rauschen in den Bäumen, verklungen sind die Lieder.
Wo früher helles Lachen mir Licht und Wärme gab,
ist Schweigen in den Wipfeln, ich finde sie nicht wieder.
Ein Seim von fadem Honig zur Tiefe zieht hinab.

Vereinzelt flammen Blitze aus einer Welt herüber,
durchleuchten ihre Flammen sekundenschwer die Nacht
und malen grelle Bilder, doch wird der Inhalt trüber.
Mir fehlt die Kraft zum Lieben, zum Wünschen gar die Macht.

Oh, könnte ich ergreifen, um dieses einzutauschen,
ich nähme Gram und Schmerzen, ich nähme alles hin!
Noch einmal Willen fühlen, am Lichte mich berauschen,
ein Streit von Last und Leben, wär mir ein Hauptgewinn.

Was bleibt von lichten Jahren, was zählt noch eine Stunde?
Wo sind Erinnerungen, die nun wie Sand verwehn?
Kein Lob und kein Verzeihen, nichts dringt aus Herz und Munde.
Ich werden ohne Worte und auch ganz leise gehn.

#2 RE: Als Heim nicht Heim fand von Ostseemöwe 19.01.2015 07:48

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lieber Ulrich
Deine Elegie im Alexandriner und passendem Kreuzreim ist sehr anrührend.
Ich tauche hier ab in eine Gedankenwelt die schwermütig das Gewesene beklagt.
Dafür ist diese Form sehr gut. Ich spüre hier die Schwere und Ausweglosigkeit.

herzlich Ilona
Ps. sag mir wenn ich mich täusche, warst Du nicht der Aufgabensteller? Da hast Du dich dann aber fein gedrückt vor der schweren klassischen Form
des Distichen.

#3 RE: Als Heim nicht Heim fand von 19.01.2015 08:46

Lieber Ulrich,

es ist ein schönes und klangvolles Trauergedicht und ich sage hier Gedicht, weil es sich auch reimt, was eigentlich bei einer Elegie nicht erwartet wird, womit ich auch Ilona zustimme.
durchleuchten ihre Flammen sekundenschwer die Nacht---Vorschlag--mit grellem Schein die Nacht---oder---lodernd hell die Nacht---oder---zuckend hell die Nacht
Noch einmal Willen fühlen, am Licht(e) mich berauschen,---Vorschlag--am Licht mich schwer berauschen--oder--am hellen Licht berauschen
Was bleibt von lichten Jahre(n), was zählt noch eine Stunde?
Insgesamt klangvoll und schön. Gefällt mir.

LG Hans

#4 RE: Als Heim nicht Heim fand von Uller Rich 19.01.2015 10:02

Liebe Ilona,
ja, ich wars, ich muss es gestehn, drum durfte ich auch anders verstehn!
Ich dachte bei der Aufgabenstellung zunächst an die elegische Stimmung. Die schwierige klassische Form wollte einfach in meinem Innern nichts erwecken, also habe ich mich in die Moderne gerettet.
Ich hoffte allerdings, dass der versteckte Hinweis in der Überschrift auf den Gegenstand der Beschreibung leichter zu erkennen wäre. Vielleicht hätte ich für das erste Als besser ein Alz schreiben sollen, doch was war mir zu offensichtlich. Es geht alZo um den Verlust des Geistes, speziell um die Phase, in der dieser Verlust noch selber erkannt wird. Danke für Deine freundlichen Worte.

Lieber Hans,
für die Form muss ich mich entschuldigen, doch ich muss mich immer arg quälen, ein Gedicht ohne Reim zu schreiben.
Du Du nun weißt, dass des sich um die Auswirkungen der Alzheimerkrankheit handelt, ist Dir nur sicher auch klar, warum ich das Wort 'sekundenschwer' gewählt habe. Die Lichten Momente sind oft nicht mehr als Sekunden und umso schwerer ist ihre Wahrnehmung.
Die Form 'am Lichte' ist der klassische Dativ! Deine Vorschläge ändern ein wenig das Gewicht der Aussage, trotzdem bestand Dank!
Mit den 'Jahren' hast Du eindeutig Recht (ein Dreckfuhler). Danke naochmal und auch für Dein 'Gefällt mir.'
LG Ulrich

#5 RE: Als Heim nicht Heim fand von Klatschmohn 19.01.2015 12:44

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Lieber Ulrich,

Deine Elegie ist wirklich mit einer Schwere überdeckt, die für die Gedichtform sehr gut passt. Leider hat man zuweilen solche Stimmungen, Andere haben sie andauernd, dann nennt man das Depression.
Sehr eindrucksvoll ist der Seim von fadem Honig, da spürt man förmlich das klebrige Hinunterziehen, aus dem man sich nur schwer befreien kann. Auch die mangelnde Empathie, überhaupt die Unfähigkeit zu Fühlen hast du sehr gut beschrieben.
Das Ganze hast Du in der Form des Alexandriners vorgestellt, wozu auch der Paarreim passt.
Mir ist nur aufgefallen, dass Du den Jambus nach einigen Zäsuren nicht durchgehalten hast. z.B. hier "Bäumen, verklungen".
Ich hoffe, dass keiner hier mit der Dame "Depression" Bekanntschaft machen muss.

Liebe Grüße,
Heidi

#6 RE: Als Heim nicht Heim fand von Uller Rich 19.01.2015 13:02

Liebe Heidi,
das hier beschriebene ist mehr als "nur" eine Depression. Durch Deinen Kommentar ist mir klar geworden, dass der Text auch auf eine Depression zutreffen kann. Vielleicht sollte ich doch die Überschrift ändern in "Alz Heimer nicht mehr Heim fand"?
Ich habe/hatte solche Fälle in der Verwandschaft. Irgendwie lässt mich das Thema nicht los.
Das ist zwar traurig und kann nach unten ziehen, wie Du sagst, doch meine ich auch, dass es helfen kann, es klar auszusprechen.
Haben lieben Dank für Deine verstehenden Worte!
LG Ulrich

#7 RE: Als Heim nicht Heim fand von Klatschmohn 19.01.2015 13:39

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Hallo Ulrich,

auf die Idee, dass Du Alzheimer gemeint hast bin ich gar nicht gekommen. Aber das passt natürlich auch. Ich geh jetzt öfters ins Altenheim und auch auf die Dementenstation. Dort versuchen wir als Pflegeclowns ein Lächeln auf die Gesichter der Menschen zu zaubern und es gelingt auch. Aber es ist dennoch eine Erscheinung die uns sicher alle ängstigt.
Ich lese Dein Gedicht jetzt mit einem anderen Hintergrundwissen.

Liebe Grüße, Heidi

#8 RE: Als Heim nicht Heim fand von Thomas 19.01.2015 14:48

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Lieber Ulle Rich,

eine interessante Idee. Der Alexandriner ist schon ein recht starres Metrum und erzeugt eine gewisse Distanz, welche du hier vermutlich haben willst.

Zwei Vorschläge habe ich:

Wahrscheinlich wäre:
Nun schweigt der Sturm für immer,
besser als:
Der Sturm schweigt nun für immer,

Und vielleicht könnte man sagen:
durchleuchten flammenschlagend
statt:
durchleuchten ihre Flammen

Liebe Grüße
Thomas

#9 RE: Als Heim nicht Heim fand von Uller Rich 20.01.2015 09:57

Liebe Heidi,
danke nochmal fürs Einschalten. Ein Lächeln ist ein Insel im Meer der Verlorenheit. Das erkrankte Hirn macht nicht den ganzen Menschen aus. Irgendwo ist sicher noch etwas übrig, das sich freuen kann.

Lieber Thomas,
danke für Deinen Kommentar und die Vorschläge!
LG Ulrich

#10 RE: Als Heim nicht Heim fand von Heliane 22.01.2015 20:02

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Lieber Ulrich,
ich kann mir nicht vorstellen, wie du noch dichter ans Geschehen herangehen könntest. Keine Ahnung, warum Ralf ständig am starren und Distanz schaffenden Alexandriner zu mäkeln hat .
Der Alexandriner eignet sich hervorragend für elegische Themen. Du hast eine sehr gute Wahl getroffen und die weitaus schwierigeren Distichen frech umgangen .
Das macht aber gar nichts. Dein Gedicht erschüttert, bringt jede Menge schrecklicher Bilder und ist sprachlich sehr flüssig und schön, war willste mehr ?
Die Zäsuren sitzen, der Jambus funzt perfekt.

Selbstverständlich nicht gerne gelesen, weil wir gegen die Diagnose nicht gefeit sind und die Beschäftigung damit die gute Laune vorübergehend vertreibt .
Herzliche Grüße,
Heliane.

#11 RE: Als Heim nicht Heim fand von Derolli 23.01.2015 22:54

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Lieber Ullrich,

es ist doch interessant wie dein Blick auf diese scheußliche Krankheit ist. Meiner ist ebenso verzweifelt, doch noch ohnmächtiger. Meine Schwiegeroma ist an dieser Krankheit, nach Jahren intensiver Pflege, zugrunde gegangen. Ich hatte nie den Eindruck, dass sie auch nur den Tausch vorschlagen könnte, den du hier ansprichst. Furchbar wie einem diese Krankheit den Willen nimmt, wie sehr hoffe ich, das den Dementen, dieser Weg offen stünde - einmal noch eine echte Verbindung zur Umgebeung und liebenden Menschen aufnehmen zu können.

Tief berührt von deinen Worten und ich komme auch von der Technik sehr gut zurecht, wobei Destichen vielleicht noch eindrucksvoller (durch den Reimwegfall) die Verwirrung darstellen könnte. Aber der Alexandriner klappt sehr gut und hat auch die nötige Schwere (wegen der relativ langen Verse schätze ich).

Liebe Grüße

Derolli

#12 RE: Als Heim nicht Heim fand von Uller Rich 25.01.2015 13:11

Liebe Heliane,
Deine Würdigung freut mich sehr! Ich bin auch nicht grundlos dem Distichon ausgewichen, es stimmt nicht mit meinem Sprachempfinden überein. Jeder hat doch irgendwelche Muster im Kopf, die ihm liegen. Dem Thema rückte ich schon einige Male recht nahe. Allerdings meine ich, dass man immer etwas dagegen tun kann, meist wissen wir nur nicht was oder wenn doch, siegt die Bequemlichkeit oder die Lust bzw. Unlust.

Lieber Olli,
wenn ich hier von Tausch o.ä. spreche, dann meine ich die Anfangsphase. Es gibt durchaus eine Zeit, in welcher der Erkrankte sehr wohl noch die Wahrnehmung der Krankheit hat und in gewissen lichten Momenten sein Bewusstsein darauf reagiert.
Es gibt sicher viele, die dem Reim wenig abgewinnen können und reimlosen Worten mehr Bedeutung beimessen. Ich empfinde eben anders. Insbesondere, wenn die Metrik eingehalten wird, fehlt mir die Melodie, die ein Reim ausstrahlt. Ich komme eben von der Musik und da ist die Bedeutung des Reimes noch größer. Was Du zu den langen Versen sagst, dabei stimme ich Dir zu. Kurze Zeilen haben meist mehr Leichtigkeit.
Deine tiefe Berührtheit ist mir ein großes Lob. Danke!

Liebe Grüße Euch
Ulrich

#13 RE: Als Heim nicht Heim fand von Derolli 25.01.2015 15:10

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Lieber Ullrich,

genau das meine ich ja - der Wegfall des Reimes fürt zur Assonanz und verwirrt - würde zum Inhalt doch gerade deshalb passen. Wie du siehst sind wir Musiker da mal wieder der selben Meinung.

Liebe Grüße

Derolli

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