#1 Elegien von Heliane 06.01.2015 09:50

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ELEGIEN

Allgemein
Erste Nachweise der in Langversen gestalteten, zweiversigen Strophenform stammen aus Kleinasien, von wo aus sie wahrscheinlich um 700 v. Chr. in den griechischen Kulturraum gelangte.
In der griech. Antike blieb die Elegie als reimloses Lied, meist zur Flötenbegleitung gesungen, zunächst erhalten (Euripides, 484 – 406 v. Chr.: Iphigenie auf Tauris), später ganz aufgegeben und in hellenistischer Zeit (ab etwa 333 bis 30 v. Chr.) neu belebt.
Die römische Elegie erschien durch Ovid (Heroiden) in griechischer, vor allem hellenistischer Tradition; sie blieb bis in die röm. Spätzeit und über das gesamte MA sehr beliebt; im Spät-MA wurde die Form auch für Epen und Dramen übernommen.
Die Humanisten des 16. Jhs. erweckten die klassische römische Form erneut und schrieben u. a. Epigramme und Allegorien.
Im 16. Jh. entstand in England die sog. Gräberpoesie mit ihren wichtigsten Vertretern Robert Blair (The grave), Edward Young und Thomas Gray.
Durch Opitz und Gottsched begann im 16./17. Jh. mit der Gelehrtendichtung die lyrische, volkssprachliche Elegiendichtung in Deutschland, die klassische Form der Humanisten wurde bevorzugt.
Im 18. Jh. setzte sich durch Klopstock (Die künftige Geliebte, 1748 ), Goethe (Römische Elegien, 1788/89) und besonders durch Schillers Reimstrophen (Das Ideal und das Leben) die Form als klassische deutsche Elegiendichtung durch. Die wohl beste Umsetzung der Form in die deutsche Sprache fand Hölderlin, der wohl berühmteste Elegiendichter (Der Wanderer, Brot und Wein ...).
Das 19./20. Jh. brachte bei Möricke, Geibel und Platen besonderes Bemühen um die Form; Rilke (Duineser Elegien) knüpfte deutlich an Hölderlin an; Brecht (1953) zeigte eine außergewöhnliche Form in seinen „Buckower Elegien“.

Definitionen des Elegischen
Zu den wichtigsten Vertretern der englischen „Gräberpoesie“ gehörte Thomas Gray (The grave). Auf ihn bezieht sich Hölty (Elegie auf einen Kirchof): „Keine Nachahmung des Gray, sondern nur eine Ausführung derselben Idee“; er betrachtete die Elegie als eine „süße, melancholische Schwärmerey in Gedichten“. Schiller hingegen entwickelte neben dieser melancholischen Empfindsamkeit eine andere Definition und begründete seine geschichtsphilosophische Unterscheidung, nach welcher „bei der Elegie die Trauer nur aus einer durch das Ideal erweckten Begeisterung fließen“ dürfe. Er unterschied klar zwischen der melancholischen Vergegenwärtigung vergangenen Glücks und dem Bruch zwischen Natur und Ideal. Schillers Elegien sind Ausdruck einer nahezu unüberbrückbaren Distanz zwischen Ideal und Wirklichkeit.
Bei Goethe hingegen fehlt diese Perspektive. Seine Hinwendung zur römischen, d.h. zur sinnlich-erotischen Elegie, sind ein Teil der Differenzen mit Schiller.
Neuerdings wird unterschieden zwischen der Satire, in welcher der sentimentalische Dichter die Mangelhaftigkeit der Wirklichkeit gegenüber hervorhebt, der Idylle, in welcher Natur und Ideal als zukünftige Wirklichkeit vorgestellt werden, und die verlorene Natur oder die Unerreichbarkeit des Ideals, welches der trauernde Elegiker erinnert.

Inhalt
Während in Kleinasien Totenklagen, Trauer und wehmütige Resignation vorherrschten und als „barbarischer Jammerruf asiatischer Melodien“ verrufen waren, entwickelte sich im klassischen Griechenland eine große Themenvielfalt: Die Macht der Liebe mit eindeutig erotischen Tendenzen, Loblieder auf den Rebensaft, Philosophie, Politik und Satiren; das anfangs dazu gehörende Flötenspiel wurde abgeschafft, weil als düster und traurig empfunden. In hellenistischer Zeit kamen Preislieder und mahnende Gesänge hinzu.
In der etwa ein halbes Jh. währenden Blütezeit der römischen Elegie griffen Catull, Gallus ..... auf die hellenistische Tradition zurück; Ovid schuf bedeutende Werke in erotischen, auch ironisch-satirischen Versen.
In der römischen Spätzeit bis zum Ende des Mittelalters kehrten die Lyriker zu sehnsuchtsvollen, schwermütigen Themen, zum Liebesleid und zur Gräberpoesie zurück.
Die Humanisten fügten Elegien der Empfindsamkeit, süße, melancholische Schwärmerei (Hölty), Trauer über die verlorene Natur und das unerreichte Ideal (Schiller), rückwärts gewandte Blicke im Ton wehmütiger Erinnerung unwiederbringlichen Glücks und Resignation ohne Hoffnung (Goethe) hinzu.

Form
Als Elegie bezeichnete die antike griechische Lyrik eine Strophenform, die in Pentametern vorgetragen wurde. Später kam der Hexameter hinzu und es entstand das elegische Distichon, eine ungereimte, langversige und zweizeilige Strophenform. Deutsche Humanisten wandelten die überaus strenge Form in den elegischen Alexandriner oder den vers commun um, kehren jedoch zum Distichon zurück.

Schillers „Merkvers“ für ein Distichon:
„Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule,
im Pentameter drauf, fällt sie melodisch herab“.

Hexameter (gr. hexametros = 6): Auftaktiger und längster antiker Sprechvers ohne Endreim. Er zeichnet sich durch große Strenge bzw. Künstlichkeit aus und besteht aus 6 Versfüßen, meist Daktylen (Xxx), die im Versinnern durch Spondeen (XX) oder Trochäen (XxXx) ersetzt werden können. Beim 5. Metrum handelt es sich meist um einen Daktylus, während das 6. Metrum immer ein Trochäus oder Spondeus ist. Vielseitig wird der Vers durch 2 – 3 eingefügte Zäsuren und den Wechsel der Hebungen. Der Hexameter schreitet lebendig und kraftvoll voran und gilt als das Maß der Verserzählung in gehobener Sprache.
Versform
X x (x) / X x (x) / X x (x) / X x (x) / X x x / X x

Pentameter (gr. pentametros = 6 Metren!): Auftaktiger, reimloser Langvers bestehend aus 6 daktylischen Versfüßen; die ersten Hebungen können durch Spondeen ersetzt werden. Einer unveränderlichen Dihärese nach dem dritten Versfuß, die den Vers in zwei dreifüßige Halbverse (Tripodien) trennt, folgen Daktylen. Charakteristisch ist das Zusammentreffen zweier Hebungen in der Mitte des Verses (Hebungsprall), welche die Sprachbewegung kurz stocken lassen. Der Pentameter wird mit dem Hexameter zum Distichon verbunden; eigenständige Pentameter-Gedichte gibt es kaum.
Versform
X x (x) / X x (x)/ X // X x x / X x x / X

Alexandriner: Gereimter, jambischer Langvers (6-hebig,12 - 13 Silben) mit männlicher oder weiblicher Kadenz, fester Zäsur nach der dritten Hebung (6. Silbe) und Betonung auf der 6. und 12. Silbe, wodurch eine deutliche Zweischenkligkeit entsteht. Diese teilt die Versaussage in Satz und Gegensatz, Bild und Gedanke, Frage und Antwort .....
Bevorzugte Reimformen sind Kreuzreim (elegischer Alexandriner) oder Paarreim (heroischer Alexandriner), aber auch umarmende Reime sind bei vierversigen Strophen beliebt. Zuweilen werden (am Beginn der Halbverse) die Jamben durch Spondeen oder Trochäen ersetzt.
Versform
X x X x X x / X x X x X x (X)

Vers commun (frz. = gewöhnlicher Vers): Gereimter, jambisch alternierender 10-Silbler mit männlicher Kadenz bzw. 11-Silbler mit weiblicher Kadenz und regelmäßiger Zäsur nach der vierten Silbe (2. Hebung).
Versform
x X x X / x X x X x X (x)

Beispiele:
Auszug aus den Römischen Elegien (Goethe)
Saget, Steine, mir an, o sprecht, ihr hohen Paläste!
Straßen, redet ein Wort! Genius, regst du dich nicht?
Ja, es ist alles beseelt in deinen heiligen Mauern,
Ewige Roma; nur mir schweiget noch alles so still.
O wer flüstert mir zu, an welchem Fenster erblick ich
Einst das holde Geschöpf, das mich versengend erquickt?
Ahn ich die Wege noch nicht, durch die ich immer und immer
Zu ihr und von ihr zu gehn, opfre die köstliche Zeit?
Noch betracht ich Kirch und Palast, Ruinen und Säulen,
Wie ein bedächtiger Mann schicklich die Reise benutzt.
Doch bald ist es vorbei: dann wird ein einziger Tempel
Amors Tempel nur sein, der den Geweihten empfängt.
Eine Welt zwar bist du, o Rom; doch ohne die Liebe
Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom.


Elegie (Hölderlin)
Täglich geh ich heraus und such ein Anderes immer,
Habe längst sie befragt, alle die Pfade des Lands;
Droben die kühlenden Höhn, die Schatten alle besuch ich,
Und die Quellen; hinauf irret der Geist und hinab,
Ruh erbittend; so flieht das getroffene Wild in die Wälder,
Wo es um Mittag sonst sicher im Dunkel geruht;
Aber nimmer erquickt sein grünes Lager das Herz ihm
Wieder und schlummerlos treibt es der Stachel umher.
Nicht die Wärme des Lichts und nicht die Kühle der Nacht hilft
Und in Wogen des Stroms taucht es die Wunden umsonst.
Ihm bereitet umsonst die Erd ihr stärkendes Heilkraut
Und sein schäumendes Blut stillen die Lüftchen umsonst.


Glossar
Alexandriner: Gereimter, 12 bzw. 13-silbliger Vers französischer Herkunft mit stumpfen bzw. klingenden Kadenzen, mit fester Betonung auf der 6. und 12. Silbe und deutlicher Zäsur nach der 6. Silbe.
Allegorie: Personifizierung bzw. Verbildlichung eines Begriffs oder eines Vorgangs (Justitia mit Augenbinde); gedanklich-konstruktive Beziehung zwischen dem Dargestellten und dem Gemeinten.
Alternation: Durchgehende einsilblige Hebungen und Senkungen (Jambus xXxXxX, Trochäus XxXxXx).
Auftakt: Anakrusis; Metrisch fester oder rhythmisch freier Verseingang; jambische Verse = auftaktig (xX); trochäische Verse = auftaktlos (Xx)Daktylus
Dihärese: Zerlegung einer Lautfolge; Verseinschnitt, der mit einem Versfuß zusammen fällt.
Endreim: Übereinstimmung der Auslaute eines Verses unter Einschluss der Vokale.
Epigramm: Sinngedicht mit überraschender, geistreicher Pointe.
Epos (griech. „das Gesagte“, „das Berichtete“): erzählende Dichtung in gleichartig gebauten Versen oder Strophen, meist mehrere Teile umfassend; gehobene Sprache, typische Gestaltung (Wiederholungen, Gleichnisse, epische Breite)
Drama:
Hebung/Senkung: Bezogen sich zunächst auf das Aufheben und Niedersetzen der Füße bei Tanz, auf das Heben und Senken der Stimme beim Vortrag, später auf das Auf und Ab des Taktstocks. Mit arsis werden die leichten, schwachen bzw. kurzen Silben bezeichnet, mit basis entsprechend die schweren, starken bzw. langen Silben. Hebungen sind meist einsilblig, Senkungen ein- oder mehrsilblig.
Hebungsprall: Zwei aufeinander folgende Hebungen innerhalb eines Verses.
Hexameter: Antiker Langvers, bestehend aus sechs Verfüßen (Daktylen), die durch Trochäen bzw. Spondeen ersetzt werden können; der letzte Versfuß ist immer zweisilblig.
Jambus: Zweisilbliger Versfuß der Form xXxXxX.....
Kadenz: Versschluss bzw. Silbenfall am Ende eines Verses. Unterschieden werden weibliche (klingende) und männliche (stumpfe) Kadenzen. Die weibliche Kadenz ist zweisilblig (Hebung und Senkung), die männliche Kadenz ist einsilblig (Hebung).
Kreuzreim: Wechselreim ab ab (cd cd) ..., häufige Reimstellung.Langvers
Metrum: Versmaß, Regeln zur Bestimmung der Art des metrischen Systems, der Anzahl der Silben, die Ordnung der Größen sowie die Bindung der Reime.
Paarreim: Häufigste Reimbindung der volkstümlichen Dichtung: aa bb cc .....Pentameter
Satire: Kunstform, mit der die Wirklichkeit nicht direkt sondern indirekt und spöttisch beschrieben wird.
Spondeus: Seltener, antiker Versfuß, bestehend aus zwei langen Silben (xx/XX).
Trochäus (Tänzer, Läufer): Zweisilbiger, antiker Versfuß der Form XxXxX.....
Umarmender Reim: Auch Spiegelreim, umschließender Reim abba ..., Wechselreim bei vierversigen Strophen.
Versfuß: Kleinste Einheit des metrischen Schemas eines Verses; Unterscheidung der Silbentypen lang – kurz (antike Lyrik) bzw. betont – unbetont (german. Sprachen); in einem Vers wiederkehrende Elemente, vor allem Jambus (xXxXxX), Trochäus (XxXxXx), seltener Daktylus (XxxXxxXxx); Kombination mehrerer Versfüße = „mengtrittig“.
Zäsur: Ein durch ein Wortende oder eine betonte Silbe bestimmter Einschnitt, meist in längeren Versen; unterscheide feste und frei bewegliche Zäsuren.

Elegien aus dem Musengarten


Quellennachweis
Wolfgang Kayser: Kleine deutsche Versschule; UTB, ISBN 978-3-1727-3
F.G. Jünger: Rhythmus und Sprache im deutschen Gedicht; Cotta Verlag, ISBN 3-608-95489-9
Chr. Wagenknecht: Deutsche Metrik; CH. Beck Verlag, ISBN 798-3-406-55731-6
H.J. Frank: Handbuch der deutschen Strophenformen; UTB für Wissenschaft, ISBN 3-8352-1732-9

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