#1 Novembernacht von Galapapa 14.11.2013 12:54

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Die ursprüngliche Version:

Die Finsternis, der Atem langer Nächte,
haucht einen grauen Schleier in das Tal,
als ob er schwebend das Erkennen brächte,
das er dem Frost und seiner Kälte stahl.

Man hört nicht, wie bereifte Blätter fallen,
geräuschlos geht das Sterben durch die Nacht,
als fühlte man die Stille widerhallen
und wie sie schweigend kalte Angst entfacht.

Verborgen das Wohin und alle Pfade,
ein banges Tasten irrt von Baum zu Baum.
Der sternenlose Himmel ohne Gnade
ist fernes Schimmern, doch man ahnt es kaum.

So bleiben Zeit und auch das Leben stehen,
gelähmt in einem uferlosen Nichts.
Doch wird auch dieser böse Traum vergehen
im weißen Nebel neuen Morgenlichts.



Die Du-Version:

Die Finsternis, der Atem langer Nächte,
haucht einen grauen Schleier in das Tal,
als ob er schwebend das Erkennen brächte,
das er dem Frost und seiner Kälte stahl.

Du hörst nicht, wie bereifte Blätter fallen,
geräuschlos geht das Sterben durch die Nacht,
als fühltest du die Stille widerhallen
und wie sie schweigend kalte Angst entfacht.

Verborgen das Wohin und alle Pfade,
ein banges Tasten irrt von Baum zu Baum.
Der sternenlose Himmel ohne Gnade
ist fernes Schimmern, doch du ahnst es kaum.

So bleiben Zeit und auch das Leben stehen,
gelähmt in einem uferlosen Nichts.
Doch wird auch dieser böse Traum vergehen
im weißen Nebel neuen Morgenlichts.


Die Ich-Version:

Die Finsternis, der Atem langer Nächte,
haucht einen grauen Schleier in das Tal,
als ob er schwebend das Erkennen brächte,
das er dem Frost und seiner Kälte stahl.

Ich hör nicht, wie bereifte Blätter fallen,
geräuschlos geht das Sterben durch die Nacht,
als fühlte ich die Stille widerhallen
und wie sie schweigend kalte Angst entfacht.

Verborgen das Wohin und alle Pfade,
ein banges Tasten irrt von Baum zu Baum.
Der sternenlose Himmel ohne Gnade
ist fernes Schimmern, doch ich ahn es kaum.

So bleiben Zeit und auch das Leben stehen,
gelähmt in einem uferlosen Nichts.
Doch wird auch dieser böse Traum vergehen
im weißen Nebel neuen Morgenlichts.

#2 RE: Novembernacht von Heliane 14.11.2013 13:33

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Lieber Galapapa,

schön, dass du hier bist, ich freue mich!
Solch unheimliche Novembernächte, wie du sie bildreich schilderst, hatten wir hier noch nicht. Es ist nicht novemberkalt, oft scheint die Sonne, manchmal regnets, Stürme hatten wir auch schon.

Schön, deine Novembernacht, die bereiften Blätter gefallen mir besonders gut, auch die Stille, die wiederhallt. Nur die Angst gefällt mir nicht. Aber sie passt zum Gedicht und zur Stimmung, die viele Menschen mit dem November verbinden. Durch das positive Ende bleibt die Leserin nicht deprimiert und traurig zurück.

Ein schönes Gedicht, das dem November entsprechend getragen daher kommt. Es gefällt mir sehr gut.
Herzliche Grüße,
Medusa.

#3 RE: Novembernacht von 14.11.2013 15:23

Lieber Galapapa,

du hast eindrucksvolle, fast schwermütige Bilder für deine Novemberbeschreibung gefunden. So ist er und so fühlen wir Menschen. Aber zum Schluss lässt du den Leser durch das neue Morgenlicht wieder Hoffnung schöpfen.

Wenn ich etwas zu den Versen zu bemerken hätte, dann lediglich das Wörtchen "man", das sich dreimal "eingeschlichen" hat. Da ich nicht weiß, wie du es sinnvoll umgehen könntest, kann ich auch keine Vorschläge machen. In S2V3 soll es bestimmt "widerhallen" heißen.

Auch mir gefällt deine Novemberelegie.

Liebe Grüße
Sidgrani

#4 RE: Novembernacht von Derolli 14.11.2013 17:34

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Hallo Galappa,

erst muss ich sagen: Deine Verse sind wie Reifblumen auf der Herbstwiese, einzigartig und wunderschön.

Ich kann nix daran kritisieren, will ich auch garnicht, nur eine Frage habe ich da; Die erste Strophe beginnt mit der Finsternis, sie hat die Aktion (ist zwar selbst auch nur Atem, doch tut sie was, sie haucht), deshalb tendiert mein Sinn immer dazu ihr und nicht dem Schleier auch den zweiten Teil der Strophe zu widmen. Also "sie" statt "er". Das halte ich für den natürlichen Gedankengang, du legst die Betonung durch die Personalpronomen aber auf den Schleier, verbirgt sich dahinter etwas, das ich einfach nur nicht erkenne?

Gespannt auf die Antwort grüßt dich

Derolli

#5 RE: Novembernacht von Galapapa 16.11.2013 09:52

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Liebe Medusa,
hab lieben Dank für Deinen Kommentar und Dein Lob zu meinem Text!
Die Angst ist hier ja nicht konkretisiert, also nicht auf eine bestimmt Gefahr gerichtet und steht hier mehr für ein ungutes Gefühl oder eine unangenehme Ahnung. Alles gehört aber, wie Du ja selber sagst, zu dieser gedrückten Stimmung, die dargestellt werden sollte.
Herzliche Grüße!
Galapapa

Hallo Sidgrani,
danke auch Dir für Dein Lob zu meinem Gdicht!
Diese Wiederholungen des Wörtchens "man" sind mir erst nicht aufgefallen. Nach Deinem Hinweis habe ich mir in allen drei Fällen schon den Kopf zerbrochen und nichts Passendes gefunden.
Wenn mir noch was einfällt, dann nehme ich noch eine Änderung vor, ansonsten lass ich es so stehen, weil ich es nicht für so schlimm und auffällig halte, dass ich das ganze Gedicht umschreiben sollte. Ich hoffe, Du siehst es auch so.
Herzliche Grüße!
Galapapa

Hallo Derolli,
auch Dir herzlichen Dank für Dein Lob!
Dieses "er" in S1V3 ist beabsichtigt, weil ich den Schleier gemeint habe mit der Aussage. Durch das Personalpronomen wird der Bezug klar.
"Er" ist ja auch "schwebend", was eher zum Schleier passt und ich wollte damit den Nebel gewissermaßen als Vorboten für Kälte und Frost darstellen, der das "das Erkennen" es kommenden kalten Jahreszeit bringt.
Bezieht man nun aber das "er" auf den Atem, dann ist das aus meiner Sicht auch in Ordnung, denn diesem Atem kann man auch mit dem Nebel gleichsetzen.
Ich glaube aber, dass der Leser mit "er" automatisch den Schleier in den Bezug nimmt.
Danke nochmnal und herzliche Grüße!
Galapapa

#6 RE: Novembernacht von Heliane 16.11.2013 10:02

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Lieber Galapapa,

mir ist das "man" gar nicht aufgefallen. Sdgrani hat Recht: Es ist ein "Unwort", das in Gedichten vermieden werden sollte.
Wie wärs, wenn du es durch "du" ersetzt? Dafür musst du nicht das ganze Gedicht umschreiben.

Herzliche Grüße,
Medusa.

#7 RE: Novembernacht von Galapapa 16.11.2013 12:32

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Liebe Medusa,
"Unwort" erscheint mir ein wenig hart, zumal es ja auch Dir erst mal gar nicht aufgefallen war.
Ich hatte auch schon überlegt, nicht mir "du" sondern mit "ich" zu ersetzen. Was meinst Du dazu?
Ohne "Ergo" beklauen zu wollen: Ich mach es einfach und stelle mal alle drei Versionen untereinander.
Liebe Grüße!
Galapapa

#8 RE: Novembernacht von Klatschmohn 18.11.2013 17:29

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Lieber Galapapa,

schön und traurig, ein richtiger Novemberblues, geheimnisvoll ist es außerdem, Dein Gedicht.
Ich mag es aber auch, dass Du einen positiven Ausblick mitgegeben hast. Das Morgenlicht, wenn auch im Nebel, nimmt die düsteren Gedanken an sich und hellt sie auf.
Mir gefällt die Ich-Version am besten.

Liebe Grüße, Klatschmohn

#9 RE: Novembernacht von Galapapa 19.11.2013 12:32

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Liebe Heliane,
gestattest Du, dass ich die drei Versionen noch eine Weile stehen lasse.
Ich selbst neige auch zur Du-Version. Und verdammt nochmal, nun ist mir das "man" auch zum Unwort verkommen. Fehlt ja auch immerhin ein "n".
Liebe Grüße!
Charly

Liebe Klatschmohn,
danke für Deinen Kommentar und Dein schönes Lob!
Du hast einen sehr passenden Ausdruck für den Text gefunden mit dem "Novemberblues".
Welche Version habe ich nocht nicht entschieden; ich neige eher zum Du, aber beides hat was.
Liebe Grüße!
Charly

#10 RE: Novembernacht von 19.11.2013 12:59

Hallo Galapapa,
wunderbares Werk... ich lese es nun schon mehrere Male und bin begeistert.

Ein kleiner Schönheitsfleck ist für mich das Wort 'bereiften'. Es liest sich irgendwie seltsam in der erlesen-schönen Sprachfindung des Ganzen und lässt mich jedesmal unwillkürlich an Autoreifen denken.

Ein Kompliment möchte ich Dir dafür aussprechen, wie gelungen Du die trostlose, ja beklemmende Stimmung einfangen und vermitteln konntest.
Sehr gern gelesen und besenft.

HG von Lailany

#11 RE: Novembernacht von Jean Poulet 19.11.2013 13:15

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Lieber Charly,
du kannst die drei Versionen so lange dort stehen lassen, wie du es gerne möchtest .
Wenn du deine Gedichte sammeln möchtest, geht das gut bei den "Persönlichen Gedichtearchiven", schau mal rein. Dort bekommen sowohl deine Musentempel-Gedichte als auch andere (eigene!) Gedichte ein nettes Plätzchen.
Herzliche Grüße.
Merci,
Jean/Admin.

#12 RE: Novembernacht von Heliane 19.11.2013 13:19

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Lieber Galapapa,

"Unwort" steht in Gänsefüßchen .
Zwischen "du" und "ich" zu wählen, ist sehr schwierig. Ich neige zum "du", aber auch das "ich" ist sehr schön und passend.
Egal, wie du dich entscheidest, dein Gedicht hat durch die Veränderung gewonnen.

Herzliche Grüße,
Medusa.

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