#1 An die Nachtgeborenen. von wüstenvogel 14.06.2014 16:32

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Noch immer herrscht die Nacht
an zu vielen Orten
viel zu wenig misstrauen wir
allzu glatten Worten.

In welchen Zeiten leben wir
wenn Gedichte über Bäume
über den Frieden
den sie uns bringen
seltsam unwirklich klingen?

Nicht die Sprache
hat uns verraten
sondern das
was wir nicht taten.

Entronnen der finsteren Zeit
eingetaucht in neue Dunkelheit
gezeichnet von Gier und Gewalt
Angst und Not
zu viel, was lebt
vom Untergang bedroht.

Die Morgendämmerung ist noch weit
doch wir dürfen niemals aufgeben
den Boden zu bereiten
für Freundlichkeit
zu kämpfen
für eine bessere
hellere Zeit.


Anmerkung: Wem das was bekannt vorkommt, der hat völlig Recht -
dieses Gedicht bezieht auf eines von Brecht ("An die Nachgeborenen".

#2 RE: An die Nachtgeborenen von Ostseemöwe 14.06.2014 18:29

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lieber Wüstenvogel

ich habe eine Gänsehaut beim Lesen bekommen. Ich bin mir sicher Brecht würde Dir zustimmen. Er würde fragen worauf wir wartenß
Er würde sagen es ist bereits wieder 5 vor 12.
Hier in Deinem Gedicht erkenne ich es geht nicht nur um die Natur die wir vernichten. Gier und Gewalt herrscht bereits wieder.

herzlich Ilona

#3 RE: An die Nachtgeborenen von Carlino 14.06.2014 18:36

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Lieber Wüstenvogel,

Ein beachtliches Werk, das Beachtung verdient! Umso mehr, da sich seit den Zeiten Brechts ja leider nichts wirklich zum Besseren gewendet hat. Nur ist die Lage noch aussichtsloser als damals, als man doch berechtigterweise nach dem großen und vor dem ganz großen Schlamassel Hoffnung hegen durfte, dass vieles nun endlich besser würde. Allzuviele Chancen wurden nicht ergriffen und viele vermutlich nicht umkehrbare Tatsachen geschaffen, so dass der Aufruf zum Durchhalten, wie ich ihn Deinen letzten Zeilen entnehme, wohl rhetorisch bleiben wird. Nichtsdestotrotz ist er notwendig.

In diesem Sinne auf zur Morgendämmerung

Carlino

#4 RE: An die Nachtgeborenen von wüstenvogel 14.06.2014 21:10

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Liebe Ostseemöwe, lieber Carlino,

vielen Dank für eure Kommentare.

Am Ende des 2. Weltkriegs hatte sich die Völkergemeinschaft geschworen "Nie wieder Krieg!"

Ich bin nicht in der Lage, die gewaltsamen Auseinandersetzungen zu zählen, die seitdem stattgefunden haben.

Hinzu kommt das Ausmaß der Umweltzerstörungen.

Die Hoffnung Brechts hat sich nicht erfüllt,

wir leben noch in tiefer Nacht (global betrachtet).

Das Gedicht von Brecht hat mich schon immer fasziniert - jetzt habe ich mir "angemaßt",
eine Art "Fortsetzung" zu schreiben - denn es hat, wie ihr gesagt habt, leider überhaupt nichts an Aktualität verloren.

Viele liebe Grüße aus der nächtlichen Wüste

wüstenvogel

#5 RE: An die Nachtgeborenen von Heliane 15.06.2014 08:13

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Lieber Wüstenvogel,

‚Anmaßung’? Ich bitte dich! Brecht würde sich freuen, könnte er deinen wortgewaltigen, kritischen und sehr eindringlichen Text lesen!
Hier kann Brecht angehört werden: An die Nachgeborenen, hinter dem sich dein Werk keineswegs verstecken muss.

Zum Inhalt ist schon alles gesagt. Du hältst uns einen verschmutzten, blinden Spiegel vor.

Herzliche Sonntagsgrüße,
Medusa.

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