#1 Suleikastrophen von Heliane 11.06.2014 13:52

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SULEIKASTROPHEN

Allgemein
Ab 1814 beschäftigte sich Goethe intensiv mit der orientalischen Literatur, besonders mit dem Divan des Hafi aus dem 14. Jh., las Reisebeschreibungen des 17. Jh. und veröffentlichte 1819 den ‚West-östlichen Divan’ als seinen Beitrag zur Annäherung der Kulturen. Sein ‚Divan’ umfasst neben Spruchdichtungen, Invektiven, historischen Anspielungen und Parabeln das Buch Suleika, eine rätselhafte, poetisch-erotische Liebeserklärung, die wahrscheinlich der blutjungen Marianne Willemer, einer Bankiersgattin, gewidmet und als Rollengedicht pointiert dargestellt ist.

Form
Es handelt sich um trochäische, vierversige Strophen im Kreuzreim mit wechselnden Kadenzen voll spielerischer Leichtigkeit.
Der Rhythmus ergibt sich aus der eindeutigen Dipodie der Verse; die kraftvollen Auftakte des Trochäus werden oftmals durch ein- oder zweisilblige Auftakte ersetzt; dadurch entsteht ein gleichmäßiges Fließen des Textes.

Glossar
Auftakt: (Verseingang). Eine oder mehrere unbetonte Silben, die vor der ersten Hebung liegen.
Invektive: Schmähschrift, Beschimpfung, die sich nicht nur gegen Personen sondern auch gegen Dinge richtet.
Dipodie: Zwei zu einer metrischen Einheit zusammen gefasste Versfüße.
Kadenz (Versausgang): Unterschieden wird die männlich-stumpfe Kadenz, die mit einer Hebung endet (x (x) X), von der weiblich-klingenden Kadenz, die mit einer Senkung endet (X (x) x).
Kreuzreim: Wechselreim abab (cdcd).
Trochäus: Antiker Versfuß der Form XxXxXx......
Versfuß: (Metrum). Feststehende Zahl und Abfolge mehrerer unterschiedlicher, betonter und unbetonter Silben.

Beispiel
Das Buch Suleika (Westöstlicher Divan, Goethe)
Nicht Gelegenheit macht Diebe,
Sie ist selbst der größte Dieb,
Denn sie stahl den Rest der Liebe
Die mir noch im Herzen blieb.

Hochbeglückt in deiner Liebe
Schelt ich nicht Gelegenheit,
Ward sie auch an dir zum Diebe
Wie mich solch ein Raub erfreut!

Dir hat sie ihn übergeben
Meines Lebens Vollgewinn,
Daß ich nun, verarmt, mein Leben
Nur von dir gewärtig bin.

Und wozu denn auch berauben?
Gieb dich mir aus freyer Wahl,
Gar zu gerne möcht ich glauben -
Ja! Ich bin's die dich bestahl.

Doch ich fühle schon Erbarmen
Im Carfunkel deines Blicks
Und erfreu` in deinen Armen
Mich erneuerten Geschicks.

Was so willig du gegeben
Bringt dir herrlichen Gewinn,
Meine Ruh, mein reiches Leben
Geb' ich freudig, nimm es hin.

Scherze nicht! Nichts von Verarmen!
Macht uns nicht die Liebe reich?
Halt ich dich in meinen Armen,
Jedem Glück ist meines gleich.

Versmaß
XxXxXxXx
XxXxXxX
XxXxXxXx
XxXxXxX

Suleikastrophen aus dem Musengarten


Quellennachweis
Wolfgang Kayser: Kleine deutsche Versschule; UTB, ISBN 978-3-1727-3
F.G. Jünger: Rhythmus und Sprache im deutschen Gedicht; Cotta Verlag, ISBN 3-608-95489-9
Chr. Wagenknecht: Deutsche Metrik; CH. Beck Verlag, ISBN 798-3-406-55731-6
H.J. Frank: Handbuch der deutschen Strophenformen; UTB für Wissenschaft, ISBN 3-8352-1732-9

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