#1 Selbstentgleisung von Thomas 05.06.2014 16:26

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Selbstentgleisung

'Gedichte sind gemalte Fensterscheiben…'
So kann man heute wirklich nicht mehr schreiben!
Denn ab- und aufgeklärt sind heute Fensterscheiben
und logisch klar erkennbar ist die Welt.
Wie auf Fassaden muss man heute schreiben!
Was allgemein gefällt, was glatt und griffig ist,
was sich in Klicks und barer Münze misst,
dass nur allein kann heute sich behaupten.
Wenn Dichter einstmals glaubten,

dass wir die Welt durch Poesie verstehen,
dass das, was wir mit Augen und durch Logik sehen
nur Schatten sind von einer tiefen Wahrheit,
zu der uns erst der Dichtung trübe Klarheit,
wie durch gemalte Fensterscheiben, führt;
dann glaubten sie an jene alte Welt,
in der Genies auf schöpferischen Bahnen
was Wahr und Ewig ist erahnen,
weil sie ein Logos fest zusammenhält.

Ein Irrtum, wie die Philosophen uns beweisen!
Drum muss sich heute Lyrik selbst entgleisen.


© Ralf Schauerhammer

#2 RE: Selbstentgleisung von Ostseemöwe 05.06.2014 17:17

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lieber Thomas,

nun will ich mich nicht zu der Form äußern. Mir ist der Inhalt viel wichtiger. Ich spüre hier, des Dichters Fazit und sage: Nein.
Ich will mich nicht aufs Abstellgleis schieben lassen. Ich will auch nicht schreiben, was andere denken, dass es gut ist für die Allgemeinheit.
Ich bin mir bewusst, zu keiner Zeit, und noch weniger in der heutigen Zeit konnte ein Dichter mit dem Schreiben eine Familie ernähren.
Wenn wir das wissen und uns nichts vormachen, dann erst sind wir "frei" und nur ein freier Geist kann etwas Einzigartiges hervorbringen.
Ich will auch nicht die größte Dichterin aller Zeiten werden, mich nicht mit Goethe, Schiller oder ... messen. Ich möchte mich auf meine ganz eigene besondere Art ausdrücken. Ich möchte etwas geben. Es ist sicher nicht für alle und jeden gedacht. Das stört mich wirklich nicht. Aber wenn ich einige Menschen mit meinen Gedichten erreiche, ihnen ein Lächeln auf ihr Gesicht zaubern kann, wenn ich einige erreiche, die nicken und denken, ja so ist es. Kann ich dann nicht zu frieden sein?
Kein Dichter hat je die Welt verändert oder eine Revolution ausgelöst. Aber manch ein Dichter hat ein Stück dazu beigetragen, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Selbstentgleisung, nein, würde ich es jemals für mich spüren, ich würde nie wieder ein Gedicht verfassen.
Aber, lieber Thomas, nicht das wir uns missverstehen, ich bin mir sicher Dein Werk ist als Ironie gedacht, in dem sehr viel Wahrheit steckt.

herzlich Ilona

#3 RE: Selbstentgleisung von anna a. 05.06.2014 17:21

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Lieber Thomas ,

Mir gefiel der Begriff der entgleisten Lyrik so, dass ich folgendes schrieb:

Entgleist die Lyrik - wunderbar
Sagt der Poet , es wird jetzt wahr,
Dass Haikus sich mit Elfchen mischen
Sonnette um die Ecke zischen
Der Jambus mit gehobnem Bein
Auch manchmal träge darf jetzt sein,
Dass freie Lyrik munter schreibt
Und groß und kleinschrift unterbleibt

Die Poesie als Anarchie
stellt alles auf den Kopf
Als solches, da begrüß ich sie,
bleib gern ein Dichterkopf.

Tolles Gedicht von dir..

Anna

#4 RE: Selbstentgleisung von Heliane 06.06.2014 11:17

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Lieber Thomas,

verstehe ich dich richtig? Nimmst du mit deinem Text diejenigen ins Visier, die sich mühen, Sprache und Klang, Form und Inhalt unter einen Deckel zu bekommen? Unterstellst du sogar das tägliche Schielen auf Klicks und Verdienstmöglichkeiten? Nee, das kann ich so nicht hinnehmen und muss heftig protestieren .

Warum müssen Logik und Wahrheit fernab der Poesie sein? Warum muss Schöpferisches ‚ewig’ sein? Und warum fördert Poesie eine bessere Welt? Das hat noch nie funktioniert. Sie kann helfen, Gemeinschaften zu bilden, aber das ist schon alles.

Philosophen werden und konnten die Gegenwart nicht ‚beweisen’, sie geben uns einzig Lehren aus der Vergangenheit auf den Weg, können auf Fehler aufmerksam machen und vielleicht einen Blick in ihre Zukunft gewähren.

Sollte ich dich missverstanden haben, dann bitte ich um Vergebung und um Erklärung, wie dein Text zu verstehen ist.

Herzliche Grüße,
Medusa.

#5 RE: Selbstentgleisung von Thomas 06.06.2014 13:14

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Liebe Ostseemöwem, anna a. und Medusa,

vielen Dank für die Beschäftigung mit dem seltsamen Gedicht. Vielleicht erkläre ich ein wenig, worum es mir geht. Ich frage mich, was soll Lyrik heute überhaupt und wie sollte sie sein.

Die erste Zeile ist ein Zitat aus Goethes Gedicht, welches mit dem herrlichen Bild der Fenster einer Kapelle ausmahlt, dass man Poesie nicht von außen betrachten kann, was meiner Meinung nach von der heutigen Rezensenten-Gemeinde getan wird, deren Art zu argumentieren ich dann wiedergebe.

Nun ist an dieser Meinung trotz der Äußerlichkeit etwas wahres, denn in der Lyrik lebt eigentlich eine vor-rationale, wir sagen negativ irrationale, Denkweise bist heute fort, in der es eine Trennung von Subjekt und Objekt noch nicht gab, in der jede Größe nicht nur extensiv, sondern auch intensiv war. Vor allem war dieser Denkweise eine kosmische Harmonie, die jedem Naturgesetz (wie wir es heute nennen) vorausging, selbstverständlich. Diese Harmonie bestimmte Bahnen möglicher Entwicklung, nicht kausal, wie Gleise. Dieser Änderung der Denkweise führt dazu, dass diese Bahnen nur noch formalisiert weiterexistieren, als Gleise, welche dann schließlich als nutzlos und einengend abgelehnt werden.

Mein Wunsch ist, dass wir es irgend wann schaffen, diese auf einer höheren Ebene wieder zu vereinen, ganz ähnlich, wie Friedrich Schiller das am Ende seines Gedichts "Die Künstler" ausdrückt.

"Nur durch das Morgentor des Schönen [der Kunst]
Drangst du in der Erkenntnis Land....

Was in des Wissens Land Entdecker nur ersiegen,
Entdecken sie, ersiegen sie für euch [die Künstler, Musen].
Der Schätze, die der Denker aufgehäufet,
Wird er in euren Armen erst sich freun,
wenn seine Wissenschaft, der Schönheit zugereifet,
Zum Kunstwerk wird geadelt sein."

Angesichts der heutigen "Wissensüberflutung" und dem Ruf nach "Entschleunigung" ist das meiner Meinung nach heute aktueller, als zur Zeit Schillers.

Übrigens ist diese Frage auch entscheidend in meinen Frevel eingegangen, eben nur negativ ausgedrückt.


Liebe Grüße
Thomas

#6 RE: Selbstentgleisung von Ostseemöwe 06.06.2014 14:39

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lieber Thomas

nun wird in Deinem Gedicht nirgendwo ersichtlich, dass nicht das lyr. Ich diese Meinung teilt. Es wird auch nicht ersichtlich, dass wie Du im Kommentar schreibst:

Zitat
was meiner Meinung nach von der heutigen Rezensenten-Gemeinde getan wird, deren Art zu argumentieren ich dann wiedergebe.


ich würde diese Meinung dann deutlich hervorheben.
Dieser Satz:

Zitat
So kann man heute wirklich nicht mehr schreiben!

liest der Leser mit dem Ausrufezeichen als Aufforderung. oder als feststehende Größe.

Im übrigen bin ich ganz und gar nicht Deiner Meinung. Auch ich rezensiere gelegentlich Bücher. Immer mache ich klar, es ist nur meine ganz persönliche Meinung. Natürlich kann ich nicht hinter die Gedankenwelt des Schreibers sehen. Ich betrachte immer nur was geschrieben steht. Ich kann auch nicht, wie hier im Forum nach fragen. Ich kann immer nur beurteilen was er (der Schreiber) mir mitteilt.
Gerade im Heute gibt es zig Arten von Fensterscheiben die es zu Schillers Zeiten noch nicht gab. Heute kann ich viel mehr hinter dem "Glas" verstecken. Der aufgeweckte Mensch von Heute hat doch trotz der vielen Möglichkeiten auch viel mehr Hindernisse zu überwinden um die Wahrheit an den Tag zu bringen.
Ein sehr weites Thema hast Du hier aufgetan, es bietet sich förmlich für Streitgespräche an.

herzlich Ilona

#7 RE: Selbstentgleisung von Derolli 06.06.2014 20:29

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Lieber Thomas,

ich weiß nicht ob ich das richtig verstehe. Das Fazit, welches ich herauslese ist: Lyrik ist nicht mehr up to date, aber nicht weil man mit ihr nichts Entscheidentes sagen kann, sondern weil es kaum noch jemand versteht. Die allgemeine Bildung lässt keine Platz für Erkenntnis aus der Ebene des poetischen Schreibens, Lyrik ist nur noch Kunstform nicht mehr Inhalt und schon garnicht von bedeutender Schwere.

Ich denke das ist eher ein Sender/Empfänger Problem, tatsächlich denke ich, dass durch Lyrik viel mehr Menschen erreicht werden, als durch gewichtige Debatten oder wissentschaftliche Vorträge - allerdings zugegebener Maßen in Form der Musik meistens.

Ich lebe in einer Welt in der Cyrano de Bergerac ein Mächtiger ist.

Kann sein, das ich alles falsch verstanden habe und volle Kanne am Thema vorbei schreibe, dann schon mal sry im Voraus.

Liebe Grüße

Derolli

#8 RE: Selbstentgleisung von Thomas 07.06.2014 11:45

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Liebe Ostseemöwe, lieber Derolli,

o weh, was habe ich da gemacht! Das Gedicht ist doch gar keine Kritik, außer an gewissen Kritikern, die nicht so korrekt zu Werke gehen, wie du das machst, liebe Möwe. Ich freue mich über das was hier geschieht und in meinem kleinen Gedicht Geliebte habe ich doch schon gesagt, wie ich zu dem Thema stehe.

Es ist auch keine Kritik an Lyrik von früher oder von heute. Es versucht nur die Schwierigkeit auszudrücken, heute, in einer sehr prosaischen und augenorientierten, vom logischen und auf Nützlichkeit gerichteten Denken geprägten Gesellschaft Lyrik zu schreiben. Das diese Frage berechtigt ist, zeigt doch, dass sich bekannte Dichter heute genötigt fühlen zu begründen, warum sie dichten. Z.B. Robert Gernhardt "Herr Gernhardt, warum schreiben sie Gedichte?", Hilde Domin "Wozu Lyrik heute?" etc. Das war in früheren Generationen nicht so, das Tun der Dichter wurde als selbstverständlich empfunden und die Frage nach dem Warum stellt sich gar nicht, höchstens nach dem Wie.

Ich, der seit er denken kann Poesie liebt, frage mich, was die Gründe sind. Resultat dieser Nachdenkerei ist u.A. das Gedicht, welches meiner Meinung nach schon etwas Wahres enthält.

Übrigens bewirkt diese Frage und Nachdenkerei, dass mich gewisse Poesie-Ereignisse beschäftigen, umtreiben, freuen und anstacheln. Ich habe auf zwei hier im Forum aufmerksame gemacht: Die Wirkung des Textes von Engelmann und den meiner Meiung nach viel besseren von dem Schüler Nichols. Ich finde, hier wird etwas "angezapft", von dem ich lernen kann.

Eines ist jedoch schon jetzt klar, besonders gut ist das Gedicht nicht, sonst müsste nicht so viel erklärt werden.

Liebe Grüße
Thomas

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